Schlaflos in Frankfurt

– Frankfurt ist nicht New York, der Börsenplatz ist nicht die Wall Street. Als Kulisse für einen Finanzthriller taugt Hessen aber trotzdem, wie „Dead Man Working“ zeigt –

Erinnert sich noch jemand an „Schlaflos in Oldenburg“? Die bräsige NDR-Schmonzette war vor acht Jahren ein großer Publikumserfolg beim Internationalen Filmfest – dem überaus charmanten Schauplatz sei Dank. Immer wieder erfreuen uns öffentlich-rechtliche Sender mit solchem Romantikkitsch. Es geht aber auch anders.

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Schreibtisch mit Aussicht: Blick auf Mainhattan

Das zeigt nicht nur der NDR mit dem diesjährigen Eröffnungsfilm „Strawberry Bubblegum“. Das zeigen regelmäßig auch die Kollegen vom hr. Sie demonstrieren immer wieder, dass deutscher Fernsehfilm auch anders sein kann: mutig, ambitioniert, aktuell, provokant, hochwertig. „Dead Man Working“ ist ein weiteres – besonders gutes – Beispiel dafür.

Türme. Fenster.
Arroganz. Überheblichkeit.
Geld. Macht.

Von der ersten Sekunde an macht Dead Man Working klar, in welchem Metier man sich bewegt. Die makellose Ästhetik und das geschliffene Vokabular der deutschen Finanzelite ist allgegenwärtig. Unvermeidbar dabei: Ein Schwenk über Frankfurts Skyline. Die Architektur dient dabei als frühes Sinnbild für die Natur des Bankers: Das Streben nach oben, zu Höherem – und der Wunsch alle anderen hinter (oder unter) sich zu lassen.

In die Hochglanz-Szenerie mischen sich jedoch auch Radiomeldungen über Skandale im Finanzsektor. Sir wirken wie Störgeräusche. Und als solche wurden sie von der Geld-Elite sicher auch empfunden. Als Impertinenz der Unwissenden.

Mit diesem Setting reiht sich Dead Man Working ein in eine ganze Reihe von Filmen, die zuletzt die Finanzindustrie in all ihren Ausprägungen (und Perversionen) thematisierte. Zu den bekanntesten gehören Oliver Stones „Wall Street: Money Never Sleeps“ (2010), Martin Scorsceses „Wolf of Wall Street“ (2013) und Adam McKays „The Big Short“ (2015). Auch deutsche Produktionen waren darunter: Zum Beispiel „Unter dir die Stadt“ von Christian Hochhäusler, dem Eröffnungsfilm des 17. Internationalen Filmfestes Oldenburg. Und auch: Marc Bauders brillante Doku „Master of the Universe“ (2013).

Zweiter Spielfilm: Regisseur Marc Bauder

Zweiter Spielfilm: Regisseur Marc Bauder

Letztere muss man als eine Art Prequel für „Dead Man Working“ verstehen. Bauder hat das Thema offenbar so gepackt, dass er nach der Dokumentation nun einen Spielfilm darüber vorlegt. Gelingt es, die spannenden Erzählungen des Ex-Bankers Rainer Voss in einen Finanzthriller made in Germany zu verpacken? Ein spannendes Experiment.

Anders als die Hollywood-Filme sucht „Dead Man Working“ nicht in erster Linie die Exzesse und Extreme. Er erzählt vielmehr von der Post-Kollaps-Arbeitskultur in der Frankfurter „Bank der Deutschen“, die geläutert sein will, die letztlich allerdings dieselbe ist wie vor dem großen Crash. Das kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder: Nicht nur der Name, auch das Logo, die Geschichte erinnern stark an ein real existierendes Vorbild. Raten Sie mal welches.

Charts. Kurse.
Formeln. Strategien.
Druck. Leistung.

In diesen Bereichen bewegt sich „Dead Man Working“. Es geht also nicht um komplizierte Finanzinstrumente, die man ohne gescheites Investment-Lexikon auf dem Second Screen kaum durchschauen könnte. Also: Mortgage Backed Securities, keine Collaterized Debt Obligations. Der Film widmet sich der Arbeitskultur im Geldgeschäft. Und damit dem Zwischenmenschlichen – sofern das die korrekte Bezeichnung für bidirektionale Interaktionen von Humankapital sein kann.

Skrupellosigkeit. Härte.
Einsamkeit. Leere.
Tristesse. Isolation.

Der Top-Banker Jochen Walther (sehr überzeugend: Wolfram Koch) will alles, kann alles, hat alles. Immer wieder blitzen bei ihm die Gewohnheiten der Mächtigen auf: Albfälligkeiten und Herabwürdigungen. Doch er wirkt zerrissener, in sich gekehrter als beispielsweise sein junger Ziehsohn Tom Slezak (Benjamin Lillie), der noch voller Begeisterung die Grenzen seiner Belastbarkeit auslotet. In Walthers Gesicht sind stille Zweifel ablesbar. Doch er offenbart sich nicht. Er stürzt sich zu Tode. Und setzt damit eine Reihe von Suiziden internationaler Top-Banker fort.

Top-Banker Walther und Slezak

Wissen wie’s geht: Banker Walther und Slezak

Der bis hierhin gut gestartete Film gewinnt ab diesem Moment an Fahrt. Von einem Portrait schaltet er ein, zwei Gänge hoch zu einem Finanzthriller. Warum ist Walther gesprungen? Und warum taten es vor ihm andere? Lag es am Druck? Lag es am moralischen Verfall der gesamten Branche? Oder gab es ganz andere Gründe? Der junge Slezak macht sich auf die Suche nach den Antworten – und findet sehr unterschiedliche Interpretationsversuche.

Doku-Spezialist Marc Bauder erzählt die Geschichte seines zweitens Spielfilms in einem passenden Duktus: elegante, fließende Bilder, grundsätzlich ruhige Erzählung, zurückhaltender, sphärischer Soundtrack. Dabei: kühle, glatte Makellosigkeit – an der Oberfläche. Dass es unterhalb davon anders aussieht, wissen selbst Bausparer spätestens seit 2008. „Dead Man Working“ lotet weitere Abgründe aus, kulturell ebenso wie menschlich.

Sicher: das eine oder andere Klischee wurde schon mal thematisiert. Auch die Art und Weise, die emotionale Distanz der Top-Banker zu inszenieren, ist nicht völlig neu. Aber: Personen und Handlung wirken realistischer und authentischer als bei den Hollywood-Streifen, auch wenn diese auf wahren Begebenheiten beruhen. Vielleicht, weil Marc Bauder über Rainer Voss wichtige Einblicke in den Alltag erhalten hat – nicht nur in Ausnahmesituationen.

Story. Charaktere.
Spannung. Atmosphäre.
Realitätsnähe. Aktualität.

„Dead Man Working“ hat alles, was ein zeitgemäßer Thriller braucht. Und weil er den Schwerpunkt auf die menschliche Ebene legt, nicht auf finanztechnische Konstrukte, kann man den Film auch als absoluter geldpolitischer Laie verstehen und genießen.

"Die da oben": Der Vorstand der Bank der Deutschen

„Die da oben“: Vorstandsmitglieder der Bank der Deutschen

Christian Buß nannte „Dead Man Working“ in Spiegel Online ein kleines Meisterwerk und einen der Höhepunkte des Filmfestes München. Das könnte nun in Oldenburg genauso sein. Denn auch wenn gebührenfinanzierte öffentliche-rechtliche Sender alles andere als „Indie“ sind, hat dieser Film den richtigen Spirit und die richtige Botschaft, um auch hier zu überzeugen. Experiment gelungen.

Text: Thorsten Bruns, Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg (1, 2, 3), hr/ARD Degeto (4)

Screenings von „Dead Man Working“:
Do., 15.09., 19.00 Uhr, EWE Forum Alte Fleiwa
Sa., 17.09., 14.00 Uhr, JVA

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