Schnittchen hinter Gittern

– Mein erstes Mal im Knast –

Offbloggerin Mareike Schulz hat die Auftaktveranstaltung der Screenings in der JVA Oldenburg zum ersten Mal selbst miterlebt. In diesem Jahr werden bereits zum elften Mal Filme hier im Gefängnis gezeigt – in der Kapelle des Hauses, vor Schauspielern, Insassen und Filmfestbesuchern.

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Auch ein Festivalleiter kommt nicht an der Einlasskontrolle vorbei.

Ein wenig unwohl ist mir schon. Im Gefängnis war ich schließlich noch nie. Wie sieht so eine Vollzugsanstalt überhaupt von innen aus? Welchen Menschen werde ich begegnen? Einen Film zusammen schauen mit Personen, denen man doch eigentlich nicht begegnen möchte, die weggesperrt sind, ausgeschlossen vom Alltag und häufig auch von der Gesellschaft.

Umso überraschter bin ich, als ich nach der Kontrolle am Eingang die JVA betrete: Grüner Linoleumboden, Bilder an den Wänden, aus den Lautsprechern an der Wand der Kapelle erklingen Klavierstücke.

Was habe ich erwartet? Grau in Grau? Absolute Stille? Ich weiß es gar nicht mehr so recht und setze mich.

In den Reihen hinter mir liegen Schilder mit der Aufschrift „reserviert“ auf den Stühlen. Die sind für die Insassen. Das sind zum einen inhaftierte Männer aus der JVA Oldenburg, zum anderen kommen Inhaftierte aus der JVA für Frauen in Vechta dazu. Die Reihen füllen sich, alle Veranstaltungen im Gefängnis sind in diesem Jahr ausverkauft.

Zuletzt stoßen die Hauptdarsteller aus „Tod einer Legende“ dazu, dieser Film wird heute gezeigt. Neda Rahmanian und Lenn Kudrjawizki, die beiden Hauptdarsteller, sind gekommen, Regisseur und Autor erzählen etwas zum Film, Torsten Neumann, Anstaltsleiter Gerd Koop und Bischof Jan Janssen halten Reden. „Ob Sie es wollen oder nicht – diese Menschen sind irgendwann einmal wieder Ihre Nachbarn“, sagt Gerd Koop über die Insassen im Raum und macht damit deutlich: Veranstaltungen wie diese helfen dabei, den Dialog zwischen zwei Welten zu fördern und die Integration von Gefängnisinsassen in die Gesellschaft vorzubereiten – ohne Taten und Opfer vergessen zu lassen.

Der Film wird gezeigt: „Tod einer Legende“, Teil zwei der Kroatien-Krimireihe der ARD. Er ist spannend, reich an Wendungen und sehenswert, aber für mich nicht das Haupterlebnis dieser Veranstaltung. Das kommt danach, beim anschließenden Büffet.

Insassen, Mitarbeiter der JVA, Filmemacher und Zuschauer stehen bei Kaffee und Schnittchen zusammen und unterhalten sich.

Ich stelle mich einfach an einen Tisch dazu, an dem einige Insassen stehen. Sie wünschen mir guten Appetit, rücken das Tablett mit Schnittchen etwas zur Seite, damit ich meinen Teller abstellen kann. Ich frage, was sie vom Film halten, einer findet ihn gut, obwohl er sonst eigentlich keine Krimis anschaut. Im Gespräch geht es um mein Studium, ob ich ein Auslandssemester absolviert habe, wo ich meinen Master machen möchte. Ganz normaler Smalltalk eben. Lenn Kudrjawizki erklärt einem Insassen, wie er zu seiner Rolle gekommen ist und dass ein Film sich wie ein eigenes Baby anfühlt wenn er fertig ist. Aber es geht auch darum, ob der Film realistisch ist (erklären, welche Szenen unrealistisch sind, möchte mir niemand, aber ich kann es mir auch denken), dass einige Gefangene hier eine lange Strafe absitzen.

Es sind Extreme, die hier aufeinanderprallen, das merke ich in den Gesprächen. Einmal fühlt es sich an wie ganz normaler Smalltalk, im nächsten Moment wird deutlich, dass ich hier mit Menschen rede, die Tiefen erlebt, große Fehler gemacht haben und hier eine Haft absitzen. Ich bin unheimlich dankbar für diese Erfahrung und dafür, dass Torsten Neumann und Gerd Koop die Gefängnisvorführungen nicht einmalig durchgeführt haben, sondern jedes Jahr aufs Neue diesen ungewöhnlichen Dialog entstehen lassen. Und ich bin froh, als ich die JVA verlasse und nach Hause fahren kann.

Text: Mareike Schulz

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