„Schuld ist ein universelles Gefühl“

– 2 x 5 Fragen = 10 großartige Antworten Noémie Merlant und Christophe Lioud –

Christophe Lioud hat mit „Twisting Fate“ ein Werk geschaffen, bei dem es vor allem um das Verarbeiten von schlimmen Schuldgefühlen geht: Es ist wichtig, dass man der Kapitän seiner Seele ist und sich nicht von seinen negativen Emotionen auffressen lässt, sagt er. Mit ihm und der mit dem diesjährigen Seymour-Cassel-Award ausgezeichneten Schauspielerin Noémie Merlant hat Offbloggerin Ramona Walter im berühmt-berüchtigten „5 Fragen an …“-Interview gesprochen.
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CHRISTOPHE LIOUD

Christophe, Sie haben in den letzten Jahren hauptsächlich als Produzent gearbeitet. Was hat Sie nun dazu motiviert, bei „Twisting Fate“ Regie zu führen?

Bevor ich als Produzent gearbeitet habe, arbeitete ich als Regisseur bei Musikvideos oder für Werbeclips. Nach 23 Jahren des Produzierens habe ich mich entschlossen, wieder zurück zu meinen Wurzeln zu gehen und Regie zu führen – dieses Mal allerdings für Filme. Ich hatte ziemlich viele Ideen in meinem Kopf, was ich als erstes angehen möchte, aber gerade das Thema „Schuldgefühle“ schwirrte durch meinen Kopf und darum geht es in „Twisting Fate“.  Als meine Schwester damals Selbstmord beging, schwirrten mir dieselben Fragen durch den Kopf: Was hätte ich sagen oder tun können, damit das nicht passiert? Ich habe erst spät verstanden, dass es nicht meine Schuld ist. Das ist ein langer Prozess. Damit muss man ehrlich umgehen und darüber reden. Das ist es, was ich mit meiner Regiearbeit leisten wollte.

Wie sieht diese Regiearbeit denn eigentlich aus? Agieren Sie eher als der „einsame Wolf“ oder sind Sie ein richtiger Teamplayer?

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Als Produzent bin ich es gewohnt, mit vielen verschiedenen Menschen zu kommunizieren und mich auszutauschen. Und gerade bei diesem Film war es mir nun sehr wichtig, schon im Vorfeld viel mit meinem Team zu sprechen. Ich habe vor allem mit Noémie einige Gespräche geführt und mit ihr zusammen hart an der Rolle gearbeitet. Ganz wichtig ist tatsächlich, dass man miteinander kommuniziert. Wenn man nicht viele Drehtage hat, muss die kommunikative Ebene toll funktionieren. Und daher bin ich wohl ein Teamplayer, ja!

Noémie ist in Frankreich mittlerweile ein kleiner „Shooting Star“! Wie war es, mit ihr zu arbeiten?

Sie hat sich unglaublich tief in die Rolle der Claire hinein versetzen können. Sie wusste, wie sie mit alledem umgehen muss, daher hat sie es mir sehr einfach gemacht, mit ihr zu arbeiten. Noémie hat eine wahnsinnige Strahlkraft und ganz besonders gefällt mir, dass sie sich nie über irgendetwas beschwert!

Der Film basiert auf dem Roman „Si Par Hasard“, welcher vor allem in Amerika spielt. Wieso haben Sie den Plot nach Südafrika verlegt? Haben Sie eine spezielle Verbindung zu dem Land?

Überhaupt nicht. Ich habe Südafrika mit dem Internet entdeckt und nach Drehorten gesucht. Da Amerika es auf finanzieller Ebene sehr schwer macht, dort zu drehen, musste ich einfach woanders hin ausweichen und habe dort tolle Bedinungen vorgefunden. Ein paar der Menschen dort unten sprechen hervorragend französisch. Außerdem gibt es keine große Zeitverschiebung, wenn man aus Frankreich anreist. Und es hat auch wahnsinnig gut zur Geschichte an sich gepasst: Dass Claire sich selbst in der Wüste verliert, macht einfach Sinn und unterstreicht den Plot.

Was bedeutet es für Sie, Ihren Film einem internationalen Publikum, wie dem des Oldenburger Filmfests, zu zeigen?

Hier in Oldenburg sind alle wahnsinnig cool und positiv, das finde ich wunderbar. Das ganze Flair ist so neu für mich, denn ich war bisher nur auf dem Filmfestival in Montreal. Und ich bin ganz gespannt auf die Reaktionen. Man sieht „Twisting Fate“ sicherlich mit anderen Augen, wenn man kein französisch spricht. Ich will einfach wissen, wie andere Kulturen darauf reagieren und deshalb bedeutet es mir sehr viel, hier sein zu können und den Film mit anderen Menschen zu sehen.

NOÉMIE MERLANT

Da ich Christophe Lioud gefragt habe, wie es war mit Ihnen zu arbeiten, möchte ich Sie nun auch gerne fragen, wie Sie die Arbeit mit ihm als Regisseur empfunden haben!?

Wir haben uns ja sehr lange vorbereitet, daher haben wir uns schon sehr gut kennen lernen können, bevor wir überhaupt mit dem Filmen begonnen haben. Ich mag es total, wenn ein Regisseur mit mir zusammen an einer Rolle arbeitet und mit mir jedes Detail bespricht, und das ist das, was Christophe getan hat. Er hat ein wahnsinnig großes Herz und hat immer darauf geachtet, dass alle sich wohlfühlen. Bei meiner Arbeit mit ihm habe ich mich sehr frei gefühlt, aber auch tollen Input erhalten. Wir vetrauen uns sehr, das ist sehr wichtig, wenn man einen so intensiven Film miteinander dreht!

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet? Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht leicht ist, ein Mädchen zu spielen, dass so sehr mit Schuldgefühlen und Trauer kämpft.

Ich glaube, wir kennen alle diese Schuldgefühle. Das hat jeder von uns schon einmal erleben müssen. Als ich das Skript las, hat es mich total eingefangen und nicht mehr losgelassen, weil ich eben auch dieses Gefühl sehr gut kenne. Die Rolle war wie ein Geschenk für mich, weil ich dadurch auch vieles über mich selbst lernen konnte. Bei der Vorbereitung war mir vor allem das Reden sehr wichtig – eine Sache, die auch ein wenig die Message des Films ist: Reden und sich selbst reflektieren ist wahnsinnig wichtig.

Abgesehen von dieser Message: Was ist es, was der Zuschauer nach dem Kinobesuch von „Twisting Fate“ mitnehmen kann?

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Ich glaube vor allem, dass man aus dem Film lernen kann, dass es wichtig ist, Schuldgefühle nicht mit sich rumzutragen, sondern mit ihnen zu arbeiten und sie so aus sich zu entfernen. Seine Seele reinzumachen vielleicht. Jeder hat Schuldgefühle oder Angst, aber jeder hat eine innere Stärke in sich, die genau dabei helfen kann, das zu akzeptieren und daran zu wachsen. Wir sind alle die Kapitäne unserer Seele, das sollten wir lernen.

Noémie, Sie sind nicht nur Schauspielerin, sondern auch Sängerin – zwei Jobs, die sicherlich nicht unbedingt etwas für Jedermann sind. Haben Sie sich schon einmal gewünscht, einem ganz normalen Beruf nachzugehen?

 In der Oberstufe habe ich immer gedacht, dass ich sicher einmal Architektin werde oder Wirtschaft studiere, aber dann habe ich mein Herz an die Schauspielerei verloren, von der ich eigentlich nie gedacht hätte, dass sie meine Berufung ist und bin damit sehr glücklich. Natürlich überlege ich manchmal, wie es wäre, wenn ich ein ganz ruhiges Leben mit einem normalen Job hätte, aber dann merke ich erst recht, dass ich mich richtig entschieden habe. Es gibt keinen Beruf, der dem, den ich nun habe, das Wasser reichen kann. Hier gehöre ich hin, ich liebe das, ein wahres Geschenk!

Letzte Frage – eine die auch Christophe beantworten musste: Was bedeutet es für dich, den Film einem internationalen Publikum zu zeigen? Was erwartest du für Reaktionen?

Die Message ist ja eigentlich universell, deshalb bin ich auf jeden Fall sehr gespannt, was passiert und wie die Menschen über den Film in anderen Ländern reden. Es bereichert mich selbst einfach so sehr, mit Leuten aus anderen Ländern über meine Erfahrungen zu sprechen und daher bin ich sehr froh, dass ich hier sein kann, um das zu erleben und zu sehen, wie Menschen mit der Message umgehen.

Die Gespräche führte Ramona Walter
Fotos: Offblogger.de

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