Sex, Drugs and Heimerziehung

– Ein Dialog von Vertretern zweier Generationen über die Bedeutung einer Zeit. Anlass: „Von jetzt an kein Zurück“ –

1967: Walter Schulz, 20 Jahre alt, an der Fachhochschule eingeschrieben, genießt die Facetten, die das Lebensgefühl der 68er-Bewegung mit sich bringt.

2014: Mareike Schulz, 20 Jahre alt, Studentin und Tochter von Walter Schulz.

Wenn diese beiden den Eröffnungsfilm des Filmfests zusammen anschauen, dann entsteht ein Generationengespräch, das sich musikalisch genauso gut untermalen lässt, wie die Geschichte von Ruby und Martin in „Von jetzt an kein Zurück“. Also: Musik ab.

Life is very short and there’s no time
For fussing and fighting, my friend. 

(The Beatles – We can work it out)

Walter Schulz: Die Sechziger hat er miterlebt, die neue Generation beobachtet er in seiner Tochter.

Walter Schulz: Die Sechziger hat er miterlebt, die
neue Generation beobachtet er in seiner Tochter.

Walter Schulz: Ruby und Martin präsentieren uns in „Von jetzt an kein Zurück“ gebündelte Missstände und Probleme, mit denen junge Menschen in der Zeit zu tun hatten. Viele Aspekte, wie Kriegshintergründe der Eltern, Emanzipation von Frauen, Abtreibung, Heimerziehung und Missbrauch, werden hier brutal dargestellt. Sicherlich sind die Konflikte der damaligen Jugend mit den tatsächlichen Umständen vergleichbar: ein Loslösen von der Elterngeneration, Ausbrechen aus Zwängen. Mit den Extremen wie im Film wurde ich aber nie konfrontiert. Aus einem liberalen Elternhaus kommend, hatte ich nicht mit Erziehungszwängen zu kämpfen, sondern konnte oft die freie Seite der Sechziger genießen.

Wenn du jung bist, denkst du, dass du alles vor dir hast

auf 20 folgt 30, auf 30 das, was dir Sorgen macht.

(Marteria – Sekundenschlaf)

Mareike Schulz: Ruby und Martin sind zwei von Idealen geprägte Jugendliche, die dem Elternhaus entfliehen wollten und schließlich an den Verhältnissen ihrer Zeit scheitern. Ein angemessenes Bild der 1960er Jahre, das uns hier vermittelt wird, oder ein polarisierendes Werk, das zeigen möchte, dass es neben Flowerpower und Studentenbewegung auch noch ganz andere Realitäten gab?

Don’t question why she needs to be so free
She’ll tell you it’s the only way to be
She just can’t be chained. 

(Rolling Stones – Ruby Tuesday)

Walter Schulz: Für die Studenten waren die 1960er Jahre absolut eine Phase des Aufbegehrens: Ich war zu der Zeit an der Fachhochschule in Bremen eingeschrieben und lebte in Oldenburg in einer Wohngemeinschaft. Diese Zeit war die pure Selbstbefreiung – politisch, familiär, sexuell. Es war die Zeit der Hippies und der Wohngemeinschaften, man erweiterte sein Bewusstsein auf allen Ebenen. Wir probierten aus, was wir wollen und wie weit wir gehen können, Mädchen trugen kurze Röcke und befreiten sich vom BH. Junge Männer ließen ihre Haare wachsen, soweit es möglich war – auch ich. Grillen im Schlossgarten oder Baden im Huntebad (jeweils nachts) – alles schien möglich. Leben bedeutete Freiheit, Ungezwungenheit, Offenheit. Von Heimerziehung oder sogenannten „freiwilligen Erziehungsmaßnahmen“ bekam die Allgemeinheit nichts oder nur sehr wenig mit.

Der Punk in mir versteckt hinter Nadelstreifen. 

(Marteria – Verstrahlt)

Mareike Schulz: Sind Studieren und Leben heute noch das, was es in den 1960er Jahren mal war? Feiern, sich selbst ausprobieren und dann und wann dem Hörsaal einen Besuch abstatten? Burnout, Stress, Leistungsdruck scheinen heute die vorherrschenden Aspekte zu sein, nicht nur für Studierende. Als Studentin in Münster liegen die Stichworte „wissenschaftliche Ausbildung“ und „das pure Studentenleben“ bei mir sehr nah beieinander. Das Leben genießen, die Uni auch mal Uni sein lassen, wenn einem die Nacht noch in den Knochen steckt – stets mit dem ungebetenen Begleiter im Nacken: Lebenslauf. Kannst du diesen Kurs als Referenz benutzen? Bringt es dir etwas für deinen Lebenslauf, wenn du an dem Projekt teilnimmst? Gönnst du dir auch mal eine längere Pause für Reisen und Arbeit, die wirklich Spaß macht oder bereust du das spätestens beim nächsten Gespräch, in dem du dich für diese „Lücke“ im Lebenslauf rechtfertigen musst?

You are young and life is long and there is time to kill today.
And then one day you find ten years have got behind you.
No one told you when to run, you missed the starting gun. 

(Pink Floyd – Time)

Walter Schulz: Die „Jugend von heute“, deine Generation, liebe Tochter: Ihr dürft den Luxus der unendlichen Möglichkeiten genießen. Heute gibt es eine Wohlstandsproblematik, in der die größten Probleme der jungen Menschen nicht politische Missverhältnisse, sondern materielle sind – wann kann ich mir das nächste Handy leisten? Gesellschaftliche Interessen, Wille zur Veränderung scheinen mir heute nicht mehr so stark ausgeprägt wie sie uns Martin und Ruby stellvertretend für eine Generation präsentieren.

Meine Hobbies sind, äh, schubsen oder Beine stellen
Oder hin und wieder bisschen faul auf ‘ner Couch
[…] Wir feiern durch die Nacht, bis die Sonne wieder scheint. 

(Cro – Whatever)

Mareike Schulz: Die Jugend von heute, sie denkt zu wenig an ihre eigene Zukunft und kann sich Probleme, denen sich Ruby und Martin gegenüber gestellt sahen, nicht einmal im Traum vorstellen. Stimmt: Uns mit Eltern auseinandersetzen, die unter den Folgen ihrer Kriegserfahrung so sehr leiden, dass sie den Drogen verfallen und nicht mehr schlafen können, das müssen wir nicht. Und das ist gut so. Stimmt: Als junge Frau muss ich nicht auf die Länge meines Rocks achten und finde es selbstverständlich, dass ich das Abitur machen und mir danach einen Studienplatz aussuchen durfte. Das konnte Ruby nicht. Die junge Generation der 1960er Jahre hat Prozesse und Veränderungen angestoßen, von denen ich und meine Generation heute profitieren. Wir leben im Luxus unserer Möglichkeiten und wissen manchmal gar nicht, welche Chance wir zuerst ergreifen sollen. Aber das macht uns nicht zu einer verlorenen Generation.

Fazit: Ein umfassendes Generationenbild zu erschaffen bleibt wohl schier unmöglich, gemessen an den unendlichen Strömungen und Ansichten, die jede Zeit und Generation prägen. Sichtbar gemacht und in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt werden können einzelne Facetten. „Von jetzt an kein Zurück“ gehört definitiv nicht zur leichten Kost des diesjährigen Filmfestes und wird noch weitere Diskussionen anregen. Sei es innerhalb einer oder zwischen den Generationen.

Text: Mareike Schulz
Foto: Birgit Schulz 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.