Tatort oder nicht Tatort, das ist hier die Frage

– Zwei OffBlogger, zwei Meinungen:
Passt der TV-Krimi zum Independent-Festival? –

Sie gehören seit Jahren fest zum Internationalen Filmfest Oldenburg: die Weltpremieren kommender Tatort-Folgen. Beim Publikum sind sie sehr beliebt, aber passen sie eigentlich zum Festival? Darüber kann man durchaus unterschiedlicher Meinung sein, wie ein Gespräch der OffBlogger Claus Spitzer-Ewersmann und Thorsten Bruns zeigt.

Thorsten Bruns: „Celebrating Independent Spirit“ – so steht es stolz und selbstbewusst auf der Website des Filmfestes. Ich finde: Wenn man sich so klar für einen Schwerpunkt entscheidet, und damit ja auch weltweit bekannt ist, dann sollte man auch dabei bleiben. Deshalb ist es für mich eindeutig: Ein Tatort hat hier nichts verloren.

Claus Spitzer-Ewersmann: Natürlich hat ein Tatort – wie die meisten TV-Produktionen – mit dem proklamierten Indie-Spirit nur wenig zu tun. Ich denke, es ist dennoch richtig, den einen oder anderen auf dem Festival zu zeigen. Allein schon, dass das Publikum sie liebt, ist für mich ein Argument. Und vielleicht werden einzelne Filmfestbesucher durch den Tatort auch auf andere Filme des Festivals aufmerksam, für die er sich sonst nicht interessieren würde.

Thorsten: Okay, zugegeben, die Beliebtheit ist ein guter Grund. Aber: Will man sich als Indie-Festival nicht gerade davon abheben? Geht es nicht allein um Qualität? Und will man nicht mit üblichen Sehgewohnheiten brechen? Das ist schwierig mit Sonntagabend-Hausmannskost. Außerdem wäre der Tatort ein irreführender Einstiegspunkt für das Festival. Wer z.B. nach Charlotte Lindholm einen Film aus der Midnite Express Reihe guckt, wird nicht gleich jauchzen und frohlocken.

Claus: Nicht jeder Krimi ist Standardware, nicht jeder Tatort Hausmannskost. Genauso, wie auch nicht jeder Indie nur so vor Witz und Esprit sprüht. Es gab in den letzten Jahren exzellente Produktionen in der Reihe. Qualitätseinbußen habe ich da nicht feststellen können. Ich möchte nur an den vom letzten Sonntag erinnern. „Stau“ aus Stuttgart hat hervorragende Kritikern bekommen, das war ein kleines Meisterwerk.

Thorsten: Ich wollte den Tatorten auch nicht generell die Qualität ansprechen. Ich wollte nur daran erinnern, dass sie der Maßstab sein muss, nicht das Siegel „Tatort“. Jedenfalls hab ich hier auch schon mal eine mittelprächtige Folge gesehen und fand die Situation absurd: ein unterdurchschnittlicher TV-Krimi bei einem internationalen Independent Filmfest! Ich finde, das banalisiert das Filmfest ein wenig. Zumal auch die guten Tatorte nicht unbedingt Indie-Spirit ausstrahlen. Aber womöglich bin ich zu dogmatisch, und es ist tatsächlich sinnvoll, das Konzept hier und da mal weiter auszulegen. Mainstream ist aus Indie-Perspektive ja auch eine“road less traveled“. 😉

Claus: Da treffen wir uns wieder: Es geht um Qualität. Die hat – leider – auch nicht jeder Indie zu bieten, nur weil er unabhängig produziert wurde. Am Ende ist mir eine gute, durchdachte und intelligent umgesetzte Großproduktion dann doch lieber als ein mieser Indie. Und ein fantastischer Independent Film, der mutig und unkonventionell daherkommt, ist mir am allerliebsten. Vielleicht haben sich seine Macher ja beim Filmfest Oldenburg dazu inspirieren lassen – womöglich gar von einem Tatort oder von einem der Kroatien-Krimis, die hier in diesem Jahr laufen und mich sehr überrascht haben.

Thorsten: Gut. Wenn es so wäre, dass Tatorte nicht aus Gewohnheit laufen, sondern weil sich eine Episode durch eine Eigenart besonders auszeichnet und dadurch herausragend ist – dann soll sie von mir aus laufen. Aber bitte: als publikumswirksames Beiwerk, nicht als wichtiger Bestandteil. Denn mir geht es anders als dir: Ich sehe auf einem Independent Filmfest lieber einen schlechten Film, der unabhängig ist – als einen weniger schlechten, der dem Geist den Festivals nicht entspricht. Wobei ich in Sachen Tatort zugegebenermaßen Bildungslücken habe. Ich werde mir demnächst mal wieder einen anschauen und dir dann vielleicht voller Überzeugung zustimmen. Vielleicht aber auch nicht …

Claus: Schön, Fortsetzung folgt also. Vielleicht beim Filmfest im nächsten Jahr. Denn so viel scheint sicher: Mindestens einen Tatort wird Torsten wieder ins Programm nehmen. Jede Wette!

Text: Thorsten Bruns und Claus Spitzer-Ewersmann
Foto: NDR

2 Kommentare

  1. Ich mag die Tatorte und Balkan Krimis beim Filmfest auch nicht. Ich habe aus Besucher-Sicht noch ein anderes Argument: Warum soll ich Geld für einen Tatort ausgeben, der in wenigen Wochen eh im Fernsehen zu sehen ist und danach noch lange in der Mediathek verfügbar bleibt. Das hat keinen Reiz.
    Dann lieber mehr Filme wie „The Big Sick“. Der ist sicher auch nicht unter „Indepedent“ zu verorten, wird hier zum Kinostart in D aber vermutlich nicht gut laufen. Aber der ist wirklich klasse.

  2. Hi Sven, danke für deinen Kommentar. Du hast natürlich recht, unter finanziellen Gesichtspunkten machen die Tatorte nicht so viel Sinn. Immerhin hat man im Kino aber eine andere, bessere Seherfahrung. Und für manche taugen die Screenings sicher als Distinktion, wenn sie bei der TV-Ausstrahlung einige Wochen später sagen können: „Ach, den kenn ich schon!“. Ich bin aber ganz bei dir: für mich sind sie eher verzichtbar. Ich schaue mir ebenfalls lieber Filme an, die freier und/oder unabhängiger realisiert wurden und keine staatliche Anstalt im Rücken haben.

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