The monster within

– Filmkritik zu „I Am Not a Serial Killer“ von Billy O’Brien –

Der Ire Billy O’Brien hat Dan Wells Roman „I Am Not a Serial Killer“, welcher 2009 veröffentlicht und rasant zum Bestseller wurde, auf erstaunliche Art und Weise Leben eingehaucht: Gedreht mit einem 16mm Film hat er ein fesselndes Werk geschaffen, das tief unter die Haut geht und an den Rand des Kinosessels treibt.

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Der alte Hase und der ehemalige Kinderstar: Christopher Lloyd und Max Records.

Schon seit langem hat ein Film nicht mehr so ein beklemmendes Gefühl bei mir hinterlassen. Ich erwischte mich dabei, wie ich vor lauter Nervosität anfing an den Fingernägeln zu kauen und unentspannt auf dem Sofa herumzurutschen.

John Wayne Cleavers (Max Records) ist ein 15-Jähriger Soziopath, ohne Bewusstein für Recht und Unrecht. Er  hilft in der von seiner Mutter betriebenen Leichenhalle aus und glaubt von sich selbst, dass er das Potenzial zum Serienkiller hat. In irrer Faszination schwärmt er für Massenmörder und fürchtet, dass die Triebe eines Tages die Kontrolle über sein Handeln übernehmen werden. Daher hat er sich selbst ein striktes Regelwerk auferlegt, um gegen sein Inneres anzukämpfen und seinen Neigungen nicht nachzugehen.

Er ist gefährlich und er weiß es. Eine tickende Zeitbombe.

Billy O'Brien führte Regie

Billy O’Brien führte Regie

Als ein furchbarer Serienkiller sein Unwesen ausgerechnet in Johns Heimatstadt treibt, beginnen seine Dämonen, die er so lange in sich verborgen hat, Überhand zu nehmen. Schnell wird er verdächtigt, etwas mit den Ermordungen zu tun zu haben und wird in die polizeilichen Ermittlung mit hineingezogen. Tatsächlich scheint es aber eine Art übersinnliche Verbindung zwischen ihm und dem wirklichen Täter zu geben und John scheint dadurch schnell eine Ahnung zu haben, um wen es sich bei dem bestialischen Mörder handeln könnte.

Mit all den Plot-Twists und Schocks, die der Film en mas bietet und mich an den Rande des Wahnsinns trieb, bildet der Film den eigentlichen Rahmen, um Johns eigene Geschichte. Ich wurde sofort reingezogen in all die Fragen, die seine ganz eigene Wahrnehmung der Welt um sich herum aufwirft:

Wie reagiert John in für ihn schwierigen Situationen? Wie weit wird er gehen?

Ganz unüblich für jemanden, der solch soziopathische und wenig empathische Züge aufweist, hat John anscheinend ein gutes Herz: Er scheint vor allem eine große Liebe zu seiner Mutter (Laura Fraser) zu pflegen, ist ein wenig verliebt in eine süße Klassenkameradin (Lucy Lawton) und hilft bereitwillig seinem älteren Nachbarn, Mr. Crowley (Christopher Lloyd), beim Schneeräumen. Max Records scheint wie gemacht für diese zwiespältige Rolle: Er spielt John, ohne dass ich als Zuschauerin das Gefühl bekomme, dass ich ihn mögen muss. Er schreit nicht danach „likeable“ zu sein, sondern spielt sich mit Ruhe und unübertriebener Sorgfalt in meinen Kopf, wo er haften bleibt. Eine seiner Anti-Serienkiller-Tricks ist, jedem ein Kompliment zu machen, dem er eigentlich Schmerz und Leid zufügen will. Die verstörende Mischung aus aggressiv und freundlich in der John einen seiner Mobber anlächelt, verschaffte mir eine immense Gänsehaut, die ich so schnell nicht vergesse.

Christopher Lloyd spielt Mr. Crowley: Ein bestialischer Serienkiller.

Christopher Lloyd spielt Mr. Crowley: Ein bestialischer Serienkiller.

Aber auch Christopher Lloyd, vor allem bekannt aus „Zurück in die Zukunft“, hat eine Performance hingelegt, die mich hier und da sprachlos werden ließen. Denn Mr. Crowley ist nämlich nicht nur ein netter, älterer Herr – in ihm schlummert ebenfalls ein Monster. Ohne zu viel über den Plot zu verraten, lässt sich sagen: Crowley ist ein Mensch, der gleichzeitig wahnsinnig sympathisch und unfassbar angsteinflößend ist – und Lloyd beherrscht diese Kombination perfekt.

In den Bann gezogen hat mich der Film vor allem in der ersten Hälfte der Spielzeit: In einer gelungenen, aber auch prekären Rythmik zwischen skurilen und gruseligen Momenten baut O’Brien eine Spannung auf, die sich tatsächlich sehr schwer aushalten lässt. Dieses Gefühl über das eigenartige Flair des Films verlor ich allerdings nach und nach, als John herausfindet, wer der wahre Serienkiller ist – allerdings empfand ich das nicht als schlimm, denn die Spannung bleibt glaubwürdig. Einziger Wehrmutstropfen: Das rasante Tempo, in dem die Morde passieren, ist verdammt schwer zu verdauen. Der tiefenpsychologische Horrorfilm, den O’Brien auffährt, macht einen verdammt anständigen Job, wenn sein Aufgabenbereich „verdammtes Unbegahen auslösen“ lauten soll.

Text: Ramona Walter
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screening von „I Am Not A Serial Killer“:
So., 18.09., 21.30 Uhr, theater hof/19

 

 

 

 

 

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