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*aus dramaturgischen Gründen: eine Überschrift als Unterschrift

In den letzten zwanzig Monaten hat Simon Rumley nicht weniger als vier (!) Filme vollendet, mit zwei von ihnen ist er nun beim Filmfest vertreten: „Crowhurst“ und „Fashionista“. Damit hat Rumley quasi seine eigene kleine Retrospektive. Da stellt sich die Frage: Welche Überschrift ist die richtige? „Ehre, wem Ehre gebührt“ – oder „Quantität statt Qualität“?

April (Amanda Fuller) und Eric (Ethan Embry) führen einen Vintage-Klamottenladen in Austin, Texas. Das Geschäft läuft, die Ehe nicht so. Die vermeintlich starke Frau – rein optisch mit dem Zeug zur Feminismus-Ikone – ist verunsichert und verletzlich. Ihr Trost sind ihre Kleider. Für sie bedeuten die Schnitte, die Haptik, der Geruch eine Zuflucht. Das Fühlen und Riechen der Stoffe sind für sie Beruhigung, Bestätigung, Befriedigung (auch im engeren Wortsinn).

Auf der Metaebene vielleicht die Botschaft: Kleidung kann uns nicht betrügen. Sie bietet uns Selbst- statt Unsicherheit.

Die braucht April auch, als ihre Befürchtungen wahr werden und sie Eric mit ihrer besten Freundin Theresa ertappt. Ihre bisher schon fragile Welt gerät nun vollends aus dem Gleichgewicht. April reagiert mit einem millionenfach praktizierten Verhaltensmuster, sie stürzt sich in einen exzessiven Kaufrausch. Doch sie findet im Taumel keinen Halt.

Ein Deus ex Machina taucht auf in Form des slicken Charmeurs Randall (wunderbar finster: Eric Balfour): ein Designer-Typ im Designer-Anzug mit Designer-Villa, der April selbstbewusst für sich einnimmt. Dass alles Kälte ausstrahlt – von Randalls Lächeln bis zu monumental-kubistischen Architektur –,  ist zwar einerseits ein Klischee, andererseits aber auch eine zutreffende Momentaufnahme unserer modernen Gegenwart.

Sowieso wäre Diabolus ex Machina eine passendere Bezeichnung für Randall. Seine sexuellen Obsessionen haben zwar nicht die Ausmaße eines Patrick Bateman („American Psycho“, ebenfalls zu sehen beim Filmfest), aber sie erinnern daran.

Was wie ein Ausweg erschien, wird für April zunehmend zur Sackgasse; was ein wenig Halt gab, wird eine neue Bedrohung.

So unterschiedlich die Konstellationen mit Eric und Randall auch sind: Sicher fühlt sich April in keiner Beziehung. So flüchtet sie zunächst in ihre Kleiderberge – und später vor sich selbst. Es dürfte kein Zufall sein, dass letztlich der obdachlose Jeans-Typ Hank April mehr hilft als Vintage-Experte Eric und Maßanzugträger Randall. Hank ist ein Symbol: frei von Normen, frei von Konventionen. Und auch Aprils eigene Erlösung ist letztlich eine subjektive Auslegung von „Textilfreiheit“.

Das Thema Fashion ist natürlich immer en vogue: Wir leben in einer hyperästhetisierten Welt. Wir werden aufgrund unseres Äußeren taxiert und bewertet, beobachtet oder ignoriert. Mode dient uns als Distinktionsgewinn – das Unmodische als Stigma. Die Oberflächlichkeiten entscheiden oft schon über Sym- oder Antipathie, bevor das erste Wort gesprochen ist.

Dieses Thema schreit geradezu danach, kritisch behandelt zu werden, so sehr strotzt es vor Ungerechtigkeiten. Trotzdem dreht die Welt sich weiter um Stoffe, Schnitte, Farben, Kombinationen. Absurd? Absurd. Und genau das zeigt auch – mit extremen Mitteln – dieser Film.

„Fashionista“ ist roh, schroff und unbequem. Und alles etwas zu sehr, um große Preise zu gewinnen. Aber: Er ist weder explizit brutal noch tiefergehend verstörend. Vielmehr ist „Fashionista“ ein ambitioniertes, psychologisches Drama im zeitgenössischen Kontext – mit einer herausragenden Amanda Fuller als Protagonistin.

Nicht alles ist chronologisch erzählt, was manchmal irritiert, insgesamt aber hervorragend  funktioniert. Dieses Narrativ ist Rumleys Reminiszenz an Nicolas Roeg, den er im Abspann auch erwähnt. Ich kann nicht erklären, warum es ein Gewinn ist, dass bestimmte Entwicklungen vorab schlaglichtartig angedeutet werden – noch bevor man sie in einen Kontext setzen kann. Aber es ist wie beim Puzzeln: Wenn die Teile am Ende ein Bild ergeben, dann ist das eine positive Bestätigung.

Das Schöne an Filmen wie diesem ist ja auch, dass man möglicherweise etwas sieht, das gar nicht da ist. Dass man in irgendetwas zu viel hineininterpretiert. Aber gibt es das überhaupt? Ein „zu viel“ beim Philosophieren über einen Film? Ich finde: nein. Es ist ein Glück, dass die Beiträge beim Filmfest nicht dezidiert moralisieren und uns irgendeine Botschaft / Haltung vorkauen, sondern die Interpretation oft dem Publikum überlassen.

„Fashionista“ bedeutet 110 Minuten Intensivkino. Vielleicht nicht der berühmte „Schlag in die Fresse“, aber eine wirkungsvolle Trefferkombination, die am Ende den entscheidenden Punch setzt. Es ist zwar nicht alles rund, nicht alles geschmeidig. Doch man sieht und spürt, was wichtig ist und worum es geht. Gerade Letzteres – das Spüren – ist das, was hier zählt.

Ob der Film als Parabel für eine überästhetisierte Gesellschaft überzeugt oder ob er dafür vielleicht nicht stringent genug ist, muss jeder selbst beantworten. Für mich ist es ein Film, den man mit und für seine Ecken und Kanten lieben muss – so wie man diese Kneipe liebt, wo der Wirt eher unfreundlich ist und das Mobiliar antiquiert, wo obskure Musik läuft und wo die Leute wirres Zeug erzählen – die durch alles aber interessanter ist als all diese durchgestylten, massenkompatiblen Fließbandbars.

Und damit wäre auch die Frage nach dem Titel gelöst:
EHRE, WEM EHRE GEBÜHRT 

Text: Thorsten Bruns
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Fashionista“:
Do., 14.9., 19 Uhr, theater hof/19
Sa., 16.9., 23.45 Uhr, Cine k/Studio

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