Too busy living to think about fucking death

– Filmkritik zu „The Ecstasy of Wilko Johnson“ –

„The Ecstasy of Wilko Johnson“ (UK, 2015) ist wohl der lebensbejahendste Film, den ich seit „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ gesehen habe. Und das, obwohl Julien Temple in der düsteren Dokumentation oft den Tod zeigt. Vor allem aber geht es um das Leben von Gitarrenlegende Wilko Johnson (Dr. Feelgood) und dessen Gedanken über Musik, Gott (und Satan), Drogen und den Saturn.

Wilko Johnson reflektiert vor allem über das Leben. Naja, und den Tod. Um genau zu sein: den drohenden Tod in Form eines unheilbaren Krebses, der bei Wilko Johnson im Januar 2013 diagnostiziert wurde. Die Ärzte gaben ihm noch zehn Monate zu leben, mit Chemotherapie etwas länger. Was macht ein richtiger Rock’n’Roller also? Na klar: Er geht auf große Abschiedstournee und macht nach Ablauf der zehn Monate noch ein Album mit The-Who-Frontmann Roger Daltery.

„Zu wissen, dass ich sterbe, hat mich lebendiger fühlen lassen. In gewisser Weise hat das mein Leben vervollständigt.“

Julien Temple vermittelt mithilfe von vielen Filmfetzen und Musikmitschnitten anschaulich das „Ecstasy“, den Rausch, den Johnson nach der Diagnose spürte. Und den er noch immer spürt. Denn – Achtung, Spoiler! – Johnson lebt  noch.

wilko_japanIch muss mich zunächst bei allen Fans von Wilko Johnson entschuldigen: Ich habe zwar den Film gesehen und mich informiert. Dennoch bin ich aber mit seinem Lebenswerk nicht wirklich vertraut. Deshalb kann ich – und will ich – das Leben von Wilko Johnson in diesem Text gar nicht adäquat würdigen oder ihn porträtieren. Das haben schon andere gemacht. Hier soll es nur um den Film gehen.

Und der wird den Fans natürlich gefallen, schließlich geht es hauptsächlich um das Objekt ihrer Verehrung. Außer Johnson darf im ganzen Film eigentlich nur Roger Daltery etwas sagen. Und kurz Sir Elton John, der die ganze Geschichte mit einem Satz auf den Punkt bringt:

„Wilko Johnson is too busy living to think about fucking death“

Aber auch wem Wilko Johnson (der mit bürgerlichem Namen John Peter Wilkinson heißt) nicht unbedingt ein Begriff ist, dem kann ich diesen Film nur empfehlen. Denn Johnson ist ein kluger Mann, und das, was er sagt, ist philosophisch hochinteressent. Und von seiner Einstellung kann man sich eine dicke Scheibe abschneiden. Als die Ärzte ihm zum Jahresbeginn noch zehn Monate gaben, wettete er mit einem Freund, ob er Weihnachten noch erleben würde. Johnson setzte 100 Dollar auf „Nein“.

„If you’re not afraid of dying, there is nothing you cannot achieve.“

Der Film stellt seine Einstellung zum Tod ziemlich anschaulich dar: Johnson sitzt auf einer Mauer direkt am Meer. Ihm gegenüber sitzt eine Person mit einer schwarzen Kapuze – der Tod. Und sie spielen Schach gegeneinander. Dabei aber schenkt Johnson seinem „Widersacher“ keinerlei Beachtung. Er spricht zwar mit ihm, aber irgendwie auch über ihn hinweg. Und er zeigt keine Angst. Stattdessen lacht er viel.

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Es gibt einen bekannten Spruch, aus dem die Rockband Motörhead ein Lied gemacht hat: „The Chase is better than the catch.“ So wie Johnson nach der Krebsdiagnose weitergelebt hat, hätte ich als Tod auch die Lust an der Jagd nach Wilko Johnson verloren. Johnson hat den Tod quasi gar nicht ernst genommen.

„Man wird sauer. Aber es ist gar keiner da, auf den man sauer sein kann.“

Ironischerweise hat Johnson erst kurz vor der Diagnose in seiner ersten Schauspielrolle einen stummen Henker in der Serie „Game of Thrones“ gespielt. Seiner eigenen Hinrichtung aber ging er aus dem Weg – in einer elfstündigen OP wurde ihm ein drei Kilo schwerer Tumor und Teile seiner Organe entfernt. Die Überlebenschancen betrugen 15 Prozent. Als er das erfuhr, waren große Teile des Films aber schon abgedreht – in dem Glauben, Johnson würde bald sterben. Jetzt ist er krebsfrei und hat – so sieht er das – neue Lebensjahre geschenkt bekommen. Sein „neues“ Leben betrachtet er aber schon auf eine andere Weise.

„You step into other levels of conciousness. All the past experiences are in that other world. I call it B.C. – before cancer.“

So erhielt der Film eine absolut echte und für alle beteiligten unerwartete Wendung, die aber in der Struktur des Films kaum auffallen. Ruhige Momente, in denen Johnson Gedanken preisgibt, die wohl nur jemand haben kann, der sich gedanklich auf das Sterben einstellt – aber kein Problem damit hat – wechseln sich mit surrealen, teils psychedelischen Sequenzen ab, die den Film einzigartig machen. Und am Ende werden die Zuschauer Zeuge davon, wie Wilko Johnson zur Gitarre greift und die längste Phase seines Erwachsenenlebens beendet, in der er nicht gespielt hat.

Wilko Johnson sagt „Ja“ zum Leben, ich sage „Ja“ zu „The Ecstasy of Wilko Johnson“.

Text: Mathias Freese
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screening:
Do., 17.9., 16.30 Uhr, theater hof/19

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