Trauerbewältigung mit Gras und Luftgitarre

– Das jüdische Trauerritual Shiva dauert eine Woche, doch der eine Tag, der folgt, kann ein Leben lang anhalten: „One Day and a Week“ –

Wie schafft man nach dem Tod des Sohns den Weg zurück ins Leben? Eyal versucht es mit der Gesellschaft des Kiffer-Sohns der Nachbarn, einer großen Tüte medizinischem Marihuana und einer neugewonnenen Begeisterung für Luftgitarren.

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Kiffer-Nachbar Zooler lenkt Eyal vom Verlust seines Sohnes ab.

„One Week and a Day“ beginnt am siebten und damit letzten Tag des jüdischen Trauerrituals Shiva, das nach der Beerdigung naher Verwandter einsetzt. Eyal (Shai Avivi) und Vicky (Evgenia Dodina) haben eine Woche lang Gäste in ihrem Haus empfangen, um den Tod ihres 25-jährigen Sohnes Ronnie gemeinsam zu betrauern. Die Trauerkomödie zeigt die letzten Momente dieses siebten Tages, und schließlich Eyal, der die verbliebenen Trauernden aus seiner Wohnung wirft.

Allein gelassen im Wohnzimmer wird schnell deutlich, dass er und Vicky sehr unterschiedlich mit ihrem Verlust umgehen. Sie kann es scheinbar kaum erwarten, dass alles seinen gewohnten Gang nimmt.

Doch nur weil Shiva beendet ist, geht das Leben nicht wie gewohnt weiter.

Während Vicky versucht, den Alltag zurückzugewinnen, indem sie etwa ihre Vertretung in der Schule aus dem Klassenzimmer schmeißen will, Joggen geht und Zahnarzttermine wahrnimmt, hegt Eyal keine Absichten, zu seinem Job zurückzukehren. Er fährt zum Hospiz, in dem sein Sohn gestorben ist, in der Hoffnung, Ronnies dort vergessene Decke abholen zu können. Er findet zwar nicht die Decke, aber eine große Tüte voll medizinischem Marihuana, das nach Ronnies Tod im Hospiz geblieben ist. „Es ist unter Erbe“, argumentiert er.

So weit, so gut – wäre Eyal nicht ein Mann mittleren Alters, der noch nie geraucht hat.

Auftritt Zooler: Kiffer-Sohn der Nachbarn und früherer Freund von Ronnie, bevor er es nicht mehr riskieren konnte, mit einem drei Jahre jüngeren Kind befreundet zu sein.

Er ist geradezu perfekt, um einfach high zu sein, Ping-Pong zu spielen und die Schmerzen des Verlustes über den Tod des eigenen Kindes zu verdrängen.

Mit Luftgitarren-Auftritten und Ausflügen versucht Zooler (Tomer Kapon), Eyal sein Lebensgefühl zurückzugeben.

Dabei ist „One Week and a Day“ kein Drama voller Tränen und Trauer – tatsächlich scheint Eyal einfach innerlich leer zu sein.

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Zooler und Eyal bei einer Trauerrede

„I’m not healthy“, klagt der schmerzerfüllte Vater, als er nach mehr medizinischem Marihuana fragt und abgewiesen wird. „You’re not sick, either.“ Dieser Moment hat zwar, wie der gesamte Film, einen gewissen Humor, aber lässt auch einen faden Beigeschmack. Selten hat Gesagtes so treffend den tief greifenden Verlust beschrieben, den Eltern beim Tod ihres Kindes empfinden.

Gefilmt wird oft in Extremen: Weite, lange Einstellungen, gefolgt von Nahaufnahmen. So zeigt der Regisseur Asaph Polonsky in ewig langen Szenen Eyal, wie er unter anderem einen Gummiwurm dazu benutzt, um endlich einen ordentlich geformten Joint zu drehen – und letztlich scheitert. Diese langwierigen Sequenzen ziehen sich zwar teilweise quälend durch den Film, verdeutlichen dabei aber auch das ausweglose Warten und Aushalten des Protagonisten, der mit seinem Schmerz nicht umgehen kann.

„One Week and a Day“ schafft die Balance zwischen albern, traurig und merkwürdig, ohne dabei ins Lächerliche abzudriften.

Polonsky verliert sich nicht in sentimentalem Kitsch, sondern zeigt den Verlust der Eltern in alltäglichen Kleinigkeiten, wie einer Decke oder eben einer Tüte (medizinischem) Gras. Hier und da ein Lachen schafft die Trauerkomödie allemal, auch wenn diese Momente keine Pause vom Schmerz sind, sondern vielmehr erst daraus entstehen.

Text: Phyllis Frieling
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „One Week and a Day“:
Fr., 16.09., 21.30, Exerzierhalle
Sa., 17.09., 19.00, Casablanca

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