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– Über das Warming-Up fürs Filmfest 

Ein umfassendes Aufwärmprogramm vor körperlichen Höchstbelastungen ist sinnvoll, sagt die Sportmedizin. Das Filmfest fällt ziemlich eindeutig in diese Kategorie, schließlich verlangt es uns fünf Tage lang alles ab. Aber Warmmachen für den Kinosessel? Ist das wirklich nötig?

Absolut nicht, finden austrainierte Cineasten. Schließlich funktioniert das Filmfest auch dann tadellos, wenn man völlig kalt reinstartet. Die OffBlogger-Abteilung für Empirische Sozialwissenschaften kann diese These zwar bestätigen, empfiehlt aber trotzdem auf den ärztlichen Rat zu hören. Wir glauben an die Neumannschen Gesetze: Man kann nie genug Filme gesehen haben – und das Filmfest kann gar nicht früh genug anfangen.

Geradezu perfekt für den Auftakt: Martin Scorseses „Wie ein wilder Stier“. Das größtenteils schwarz-weiße Bio-Pic über den ehemaligen Box-Weltmeister Jake LaMotta aus dem Jahr 1980 ist ein Klassiker des amerikanischen Kinos. Nach „Taxi Driver“ war es die zweite Zusammenarbeit zwischen Scorsese und Hauptdarsteller Robert De Niro. Man könnte schlechtere Filmographien haben als die beiden.

Obwohl die intensive, teilweise brutale Rise & Fall-Geschichte im New York der 1940er Jahre spielt, hat sie genau die richtige Attitüde für das Oldenburg der Gegenwart: Im Mittelpunkt steht ein unangepasster Typ, der seinen Weg geht, der sich auskennt in seinem Metier, der genau weiß, wie es geht und worauf es ankommt, der auch durchaus überzeugt ist, dass er was kann und dass ihm das eine oder andere zusteht, der sich dafür aber nicht verbiegen (lassen) will, der authentisch und unabhängig bleiben will, der letztlich aber doch – hier und da – auf etwas Hilfe angewiesen ist, um das zu bekommen, was er braucht. Wer hier keine Parallelen zu real existierenden Persönlichkeiten aus Filmfest-Kontexten entdeckt, ist vermutlich noch nie hier gewesen. So oder so haben diese Charaktere beim Oldenburger Filmfest eine feste Heimat.

Spannend ist bei den Klassikern zudem die Entwicklung von Regie, Technik und Schauspielerei über die Jahrzehnte. Ich habe so etwas Ähnliches schon einmal in einem epischen Text über das Vorprogramm geschrieben, bin insofern redundant. Aber egal, schließlich ist und bleibt das die Stärke des Pre-Screenings: Das Eintauchen in andere Zeiten und in (un-)vergessene Klassiker, die den Spirit des Filmfests in sich tragen und deshalb tatsächlich ein gutes Warm-Up sind. Schließlich muss man sich als kultivierte/r Norddeutscher/r diese gewisse flegelhafte Rotzlöffeligkeit erstmal wieder aneignen, die wir als „Indie-Spirit“ kennen, lieben und vermarkten.

Klares Fazit: Aufwärmen für den Kinosessel ist vielleicht nicht zwingend nötig, aber trotzdem bereichernd.

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