Über Euphorie, Schallplatten und Schattenseiten der 1960er

– Die Hauptdarsteller des Films „Von jetzt an kein Zurück“ kommentieren ihre und die Elterngeneration –

„Von jetzt an kein Zurück“ ist der Eröffnungsfilm des diesjährigen Oldenburger Filmfestes. Darin sieht sich die Nachkriegsgeneration Mitte der 1960er Jahre mit ihrer Elterngeneration konfrontiert. Doch worin genau lagen die Unterschiede? Weshalb war es so schwer, für die eigenen Überzeugungen einzustehen und sich selbst zu entfalten? Und auf welche Probleme treffen junge Menschen heute? Zu diesen Fragen haben uns die Hauptdarsteller einen Kommentar abgegeben: Anton Spieker und Victoria Schulz über Euphorie, Schallplatten und Schattenseiten der 1960er Jahre.

IMG_1315_sw_nahAnton Spieker (25), spielt als Hauptdarsteller „Martin“:

Mit 14 stellte ich mir den alten Plattenspieler von meinem Paps ins Zimmer. Die erste Platte, die ich darauf abspielte, war von Ton, Steine, Scherben: „Keine Macht für Niemand“. Meine Eltern kamen Anfang der 1970er Jahre nach Berlin und lebten hier das Berliner Studentenleben und die Forderung ihrer Generation nach Gerechtigkeit, Freiheit und Akzeptanz zwischen Uni und Wohngemeinschaft. Und so eine Zeit hallt nach. Ich hab also einiges mitbekommen von dem Lebensgefühl und den Ideen von damals und war absolut fasziniert.

Von jetzt an... StegMit den Generationen verhält sich das vielleicht ähnlich wie mit Kindern innerhalb der Familie. Mein älterer Bruder musste noch aus dem Fenster klettern, um am Freitagabend mit seinen Jungs und Mädels los zu ziehen, während ich meinen Eltern am nächsten Morgen beim Frühstück von den Eskapaden von letzter Nacht erzählt habe. Unsere Elterngeneration musste sich ihre Freiheiten hart erkämpfen und hat ihre eigene Situation dafür zum Politikum gemacht. Und wir, wir leben jetzt den Luxus danach und sind hauptsächlich damit beschäftigt, den Kater auszukurieren, den wir von einer nächtlichen Eskapade mitgebracht haben, in der wir uns mal wieder selbst gefeiert haben. Grundlos, halb tot. Weil die globalen Probleme, die sind ja woanders, die sind ja weg, weit, weit weg.

Ob mich die Dreharbeiten in der Einstellung zu meiner Elterngeneration verändert haben? – Nein. Aber sie haben mich natürlich wieder über sie nachdenken lassen und über die Zeit damals.

Und wieder hat mich das fasziniert und auch begeistert, diese Energie, dieser Wille. Und wieder musste ich aber auch erkennen, dass das alles auch seine großen Schattenseiten hatte.

Es muss doch irgendwie einfach gewesen sein, sich zu radikalisieren und Gewaltbereitschaft zu erzeugen, die politische Richtung war ja klar. Die Werkzeuge: Identifikation, Dazugehörigkeit und Euphorie. Das war schlecht, das war zu einfach.

Abgesehen davon ist es bemerkenswert, was unsere Eltern erreicht haben.

So ein Zeitgeist, das hat schon was. Und manchmal sehne ich mich nach Zusammenhalt, nach gemeinsamen Idealen und Ideen, wie sie es früher wohl intensiver gegeben hat, als heute bei uns.

 


 

Victoria Schulz (24), spielt als Hauptdarstellerin Ruby“:

Im Osten Deutschlands geboren bin ich selbst fern von konservativen und religiösen Dogmen und Weltanschauungen aufgewachsen. Meine Familie ist vor allem geprägt von Frauen, die Kinder und Arbeit unter einen Hut kriegen mussten. Viele hatten ein Talent fürs Schneidern, konnten ihrer Kreativität jedoch nicht freien Lauf lassen, sondern standen am Fließband in einer großen Schneiderei.

Es war damals nicht so selbstverständlich wie für die heutige Generation, sein persönliches Potenzial entfalten zu können und vor allem zu dürfen.

Zum Beispiel bin ich aus meiner Familie die Erste, die Abitur machen konnte. In der DDR war es ja nur sehr auserwählten Schülern vorbehalten, einen akademischen Weg einzuschlagen.

Victoria_SchulzFür mich war für die Geschichte der Hauptfigur Ruby in „Von jetzt an kein Zurück“ dieser Kampf um das Recht auf Selbstentfaltung der Hauptanknüpfungspunkt. Also eine junge Frau, die entgegen den äußeren Widerständen versucht, für sich und ihre Ideale zu kämpfen, um ihr wahres Potenzial entfalten zu können. Mich hat beim Eintauchen in ihre Welt immer wieder die Frage umgetrieben, wie es passieren kann, dass ein Mensch den Zugang zu sich und seinen Idealen verliert.

Die 1960er und 1970er Jahre waren für mich eigentlich immer eine magische Zeit, die mich mit all ihrer revolutionären Kraft, den gesellschaftlichen Umwälzungen und Befreiungskämpfen stark fasziniert hat. In meiner Jugend habe ich die Rolling Stones und Beatles rauf und runter gehört. Die Energie, die man in der Musik der Zeit brodeln hört, – dieser unbändige Freiheitsdrang – hat mich immer sehr gereizt. Ich habe mich nach diesen Extremen gesehnt, nach solch einer intensiven Zeit des Umbruchs und Aufbruchs.

Jedoch habe ich nie die Schattenseiten dieser Zeit in voller Gänze mitgedacht; dass dieser enormen Befreiungsenergie ja etwas vorangeht, eine Gewalt, der man was entgegensetzen muss, wenn man ihr nicht zum Opfer fallen möchte;

dass es also nicht einfach nur eine freie Entfaltung der Persönlichkeit ist, die da zelebriert wurde, sondern vor allem ein Kampf um Selbstbehauptung.

Von jetzt an...Neben dem bitteren Beigeschmack des Freiheitsdrangs, der 1968 transportiert wurde, ist das Besondere am Schicksal von Ruby, dass sie sich mit universellen Themen auseinandersetzt, die in den 1960er Jahren im Fokus standen, aber auch heutzutage noch in jedem Leben eine Rolle spielen. Ihre Suche nach sich selbst, den eigenen Wertvorstellungen und Prinzipien hat sich damals in gewisser Hinsicht vielleicht sogar einfacher gestaltet als heute. Ruby droht von den gesellschaftlichen Zwängen gebrochen zu werden. Wie, das zeigt der Film sehr gut.

Dennoch war es zu ihrer Zeit eventuell sogar leichter zu unterscheiden, was einem entspricht und was nicht, weil die Polarisierung viel stärker war. Heute gibt es ja keine großen Dogmen und Prinzipien mehr, zu denen man ja oder nein sagen muss; die einem zum klaren Handeln und Entscheiden zwingen.

Unsere Generation muss die Unterdrückung und Manipulation, die in der Geschichte von Ruby und Martin offensichtlich erscheinen, erst einmal entlarven, um sich ihr zu widersetzen. Und der Film zeigt ja, dass ein Mensch immer wieder vor Entscheidungen und Prüfungen steht, die ihn vor die Wahl stellen, ob er für sich und seine Ideale einsteht oder den Weg des geringeren Widerstandes geht.

Da Menschen über schwierige Themen der Vergangenheit lieber schweigen, finde ich es wichtig, dass Filme wie „Von jetzt an kein Zurück““ von dem erzählen, wofür die meisten Menschen keine Worte finden.

Redaktion: Annabell Hempelmann, Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg


Die Screenings zu „Von jetzt an kein Zurück“

Mi., 10.9., 19 Uhr, EWE-Arena
Sa., 13.9., 14.30 Uhr, JVA

1 Kommentar

  1. Pingback: Glückliche Menschen bei der Closing Night des Filmfestes Oldenburg | offblogger

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