Verharren in traurigschauriger Nostalgie

– Wie schön Kurzfilm sein kann: Sur le fil“ 

Es sei eine „hohe Kunst des Filmemachens, es zu schaffen, Figuren vorzustellen, mit denen man sich auf die Reise begibt, auch wenn diese kurz ist“ – so hat Festivalleiter Torsten Neumann den Reiz des Kurzfilms beschrieben. Um es vorwegzunehmen: Diese Kunstform ist den Regisseuren Thierry Besseling und Loïc Tanson bei ihrem Werk „Sur le fil“ definitiv gelungen. Warum? Schreibt OffBloggerin Mareike Lange in ihrer Rezension zur luxemburgischen Produktion.

Close-up: das zaghafte Gesicht von Menneke.
Cut.
Close-up: die furchtfreie Miene von Sara.

Es sind diese Sekunden, die darüber entscheiden, ob eine Zirkusfamilie ihre Geschichte weiter schreiben kann oder nicht. Menneke soll in die Fußstapfen seines Dompteur-Vaters treten, Sara ist das zu bändigende Tier.

Der linke Arm lahm, der Mund nass vom Fusel – Mennekes Vater gibt sein Zirkusamt ab und seinem Sohn die wichtigsten Regeln der Dressur mit auf den Weg: einen starken ersten Eindruck machen und dabei größer wirken, als man ist. Vermeiden, zum Gegner zu werden, ohne sich zur Beute zu machen. Seine Position verteidigen – egal was passiert.

Nun stehen sich Menneke und Sara gegenüber wie Zukunft und Vergangenheit und liefern sich ein alles entscheidendes Kräftemessen.

Nur wenn der Dompteurssohn seine Angst und somit die Löwin kontrollieren kann, wird der Zirkusdirektor an der Showeinlage festhalten. Doch schon an den Augen des Jungen lässt sich erahnen, dass er die Stärke nicht wird ausstrahlen können, mit der er Sara entgegentreten muss …

Die Regisseure von „Sur le fil“: Thierry Besseling und
Loïc Tanson

In schönen Bildern erzählen die beiden Luxemburger Thierry Besseling und Loïc Tanson, die einander zum ersten Mal 2002 begegnet sind und sieben Jahre später gemeinsam an ihrem ersten Kurzfilm gearbeitet haben, diese anrührende Geschichte eines Zerfalls. Schöne Bilder nicht nur kameratechnisch, sondern auch metaphorisch. Etwa wenn der Vater Menneke eine Clownsnase aufmalt, die eben genau das ist: nur aufgemalt, nicht gefühlt. Oder wenn der Zirkus zerfällt, genau wie seine Show in einzelne Bildsequenzen.

Und überhaupt diese Melancholie, die sepiafarben über allen Aufnahmen liegt, in deren Stille leise Töne tropfen – man möchte verharren in dieser so traurigschaurigen Nostalgie des sterbenden Zirkuswesens, von dem man sich doch lösen muss wie von manch Erbe vorangegangener Generationen.

Text: Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screening: „Sur le fil“ läuft neben anderen Kurzfilmen am Sonntag um 12 Uhr in der Exerzierhalle.

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