Vom Leben und Sterben

– Fünf Fragen an Andreas Schaap –

Five Seven Days to blow your Mind: Dank strikter Fremdbestimmung trudelte das Interview, das Offblogger Thorsten Bruns mit dem Oldenburger Regisseur Andreas Schaap geführt hatte, erst zwei Tage nach dem Ende des Festivals ein. Zum Glück haben die Antworten kein Verfallsdatum.

Andy, du bist Stammgast auf dem Filmfest. Nicht weil du gebürtiger Oldenburger bist, sondern weil du hier – nach der Splatter-Komödie „Must Love Death“ (2009) und dem Buddy-Movie „Tim Sander Goes to Hollywood“ (2012) – bereits deinen dritten Film vorstellst. „Das letzte Abteil“ unterscheidet sich allerdings deutlich von seinen Vorgängern. Es geht um das existenzielle Thema Sterbehilfe. Der Film wirkt – nicht zuletzt dadurch – erwachsener und erfahrener, aber auch persönlicher. Siehst du das auch so – oder vielleicht ganz anders?

Cap als Markenzeichen: Andreas Schaap

Cap als Markenzeichen: Andreas Schaap

Andreas Schaap: Du hast auf jeden Fall Recht: „Das letzte Abteil“ behandelt ein ernstes Thema und hat damit nicht die Leichtigkeit, die „Must Love Death“ oder „Tim Sander goes to Hollywood“ noch hatten. Dennoch glaube ich, dass der Film wie seine Vorgänger sehr verspielt ist und ihnen diesbezüglich in nichts nachsteht. Aber auch ich bin natürlich in den Jahren erwachsener geworden und mache mir ganz andere Gedanken über das Leben… und das Sterben. Mit Letzterem musste ich mich gerade im vergangenen Jahr persönlich intensiv auseinandersetzen, weshalb Du auch zu Recht feststellst, dass der Film ziemlich persönlich ausgefallen ist. Das ist auch durchaus so gewollt und durch die persönliche Widmung für meine Eltern am Ende mache ich daraus auch gar kein Geheimnis. Die beiden sind Ende letzten Jahres kurz nacheinander verstorben und ich habe mich im „Zuge“ dessen mit eben jenen Fragen auseinandersetzen müssen, mit denen sich auch meine Protagonistin im Film konfrontiert sieht. Sterbehilfe ist kein schönes Thema, birgt es doch eine Vielzahl ethischer Fragen und Dilemmata, mit denen sich früher oder später jeder auseinandersetzen muss. Einen Titel wie „Must Love Death“ könnte ich heute sicherlich auch anders interpretieren.

Als Zuschauer sitzt man quasi mit im „letzten Abteil“. Der Situation, den Personen und den eigenen Gedanken ist man beinahe schutzlos ausgeliefert. Mit anderen Worten: du verlangst dem Publikum durchaus was ab. Verstehst du Kino so? Dass es nicht nur eine Unterhaltungs-Bringschuld hat, sondern dass es auch Denkarbeit einfordern soll?

Schaap: Im Idealfall gibt es natürlich beides: Unterhaltung und etwas zum Nachdenken, eine Idee, eine Frage, eine neue Perspektive, etwas, das man aus dem Film mitnimmt, und das einen weiter beschäftigt. Ganz ohne Unterhaltung geht das aber meiner Ansicht nach nicht. Wenn sich der Zuschauer langweilt und gedanklich aussteigt, kann bei ihm auch nichts mehr angestoßen werden. „Das letzte Abteil“ spielt natürlich streckenweise mit der Überforderung des Zuschauers, fordert ihn auf, mitzudenken, komplexere Zusammenhänge zu erfassen – und das vor dem Hintergrund, dass das eigentliche Thema lange im Verborgenen bleibt. Der Film wirkt dadurch klaustrophob und schon gar nicht immer angenehm. Aber umso stärker ist dann idealerweise auch die Identifikation, umso näher ist man der Person, die das alles erlebt, und der man am Ende wünscht, endlich befreit zu werden. Genau das stößt dann hoffentlich auch den Gedanken darüber an, ob es wirklich gut ist, alles medizinisch Mögliche zu unternehmen, um eigentlich schon tote Menschen künstlich am Leben zu halten.

Intensiv: "Das letzte Abteil" (2016)

Intensiv: „Das letzte Abteil“ (2016)

Wenn du zurückdenkst an die Idee, du damals von dem Film hattest und ihn jetzt mit dem Ergebnis vergleichst – bist du zufrieden mit der Wirkung auf der Leinwand? Was ist besonders gelungen, was hätte noch besser sein können?

Schaap: Grundsätzlich bin ich sehr zufrieden. Wenn man aber einen Film macht, sieht man unfassbar viele kleine Details, die einen fast in den Wahnsinn treiben. Ich rutsche dann im Kino immer vor Scham in meinem Sitz herunter, stelle aber nachher in den Gesprächen fest, dass die Allermeisten diese Dinge gar nicht bemerken. Aber irgendwie ist man ja Perfektionist – mit dem Wissen, dass es einen perfekten Film nicht gibt. Was die gesamte Entwicklung von der ersten Idee bis zum fertigen Film angeht, so muss ich sagen, hat der Anfang dieses Prozesses kaum noch etwas mit seinem Ende zu tun. Das liegt natürlich vor allem an dem Schicksalsschlag, den ich während der Fertigstellung erleben musste, und der den Film für mich in eine Richtung gebracht hat, die ich mir zu Anfang gar nicht hätte ausmalen können.

Wie wichtig ist eigentlich das Geld dabei? Würdest du gerne mal mit einem größeren Budget drehen bzw. ist das ein konkretes Ziel? Oder bleibst du lieber unabhängig und hast alles selbst in der Hand? Bei „Das letzte Abteil“ hast du ja nicht nur Regie geführt, sondern auch die Idee und das Buch geliefert.

Schaap: „Das letzte Abteil“ habe ich sogar mitproduziert. Das hatte natürlich den großen Vorteil, dass mir keiner irgendwelche inhaltlichen oder dramaturgischen Vorschriften machen konnte. Auf der anderen Seite ist es natürlich immer ein enormer Kampf, mit wenig Geld einen Film zu machen, der am Ende natürlich nicht danach aussehen darf. Am liebsten hätte man also beides: ein hohes Budget und eine Freiheit, die möglichst viel Kreativität zulässt. Diese Kombination ist allerdings nur den allerwenigsten Filmemachern vergönnt – da bin ich Realist. Derzeit arbeite ich also auch anderen Filmen mit höheren Budgets, und da werde ich wohl oder übel deutlich mehr Kompromisse eingehen müssen. Das heißt aber nicht automatisch, dass die Filme dadurch schlechter werden. Ich bin gespannt und freue mich auf eine – hoffentlich kreative – Zusammenarbeit, bei der man sich gegenseitig den Ball hin- und herspielen und dadurch vielleicht sogar etwas noch Besseres erreichen kann.

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Nur in Ausnahmefällen erlaubt: Interview per Messenger

Hand aufs Herz: Dass du „Das letzte Abteil“ in Oldenburg zeigst – liegt das an deiner Herkunft, liegt das am hervorragenden Festival oder willst du nur ein Autogramm von Nicolas Cage?

Schaap: Hahah! Alles richtig! Ich freue mich immer, nach Oldenburg zurück zu kehren, liebe dieses großartige – und für mich weltweit beste – Film Festival. Mit Nicolas Cage habe ich außerdem ein Foto machen dürfen. In diesem Fall hat es aber auch noch die persönlichen Gründe. Dieser Film, der meinen beiden Oldenburger Eltern gewidmet ist, musste einfach hier seine Weltpremiere feiern – und ich bedanke mich bei Torsten Neumann, dass er das möglich gemacht hat.

Das Interview führte Thorsten Bruns
Fotos: Filmfest Oldenburg

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