Was wären Menschen ohne Geschichten?

– Filmkritik zu „Embers“ von Claire Carré –

Der Film „Embers“ (USA/PL, 2015) fängt mittendrin an. Es gibt keine Einführung – der Zuschauer weiß nicht, was vorher passiert ist. Aber: Das ist gut so. Denn auch die Protagonisten wissen nicht, was vorher passiert ist. Sie leiden an Gedächtnisverlust. Sie müssen genauso alles neu kennen lernen wie die Zuschauer.

Kannst du dir das vorstellen? Aufzuwachen, und nicht zu wissen, wer die Person ist, die neben dir liegt? Nicht zu wissen, wo man ist? Und vor allem: nicht zu wissen, wer man selbst ist? So geht es Ben und Jenny. Oder Max und Katie? Sie wissen nicht, wer und wo sie sind, woher sie kommen und wohin sie sollen. Sie wissen nur, dass sie zusammengehören. Oder zumindest glauben sie das. Sie fühlen es.

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Darum geht es in dem starken Filmdebüt von Claire Carré: um Gefühle. Es ist ein Film fürs Herz, nicht für den Kopf. Wenn man sich an nichts erinnert – was bleibt einem da anderes übrig, als nach Gefühl zu handeln? Zwar hat der Zuschauer die Tatsache, dass sich die Protagonisten an nichts erinnern, im Kopf. Die Atmosphäre des Films aber lässt mehr spüren als denken. Alles wirkt irgendwie vergessen: Die Welt ist überwuchert, Gebäude verlassen, Straßen kaputt, die Natur hat sich vieles zurückgeholt. Als wäre alles mal sehr lange benutzt worden, und dann aber auch sehr lange nicht mehr.

Leben ohne Plan

Die Protagonisten in dieser Dystopie sprechen wenig. Sie haben ja auch nichts zu erzählen, haben keine Geschichte(n). Keinen Lebenslauf. Die ganze Welt ist neu für sie. Der Film besticht also vielmehr durch beeindruckende und zugleich bedrückende Bilder, beklemmende Atmosphäre und gefühlvolle Gesten als durch viele Worte. Zum Beispiel in den Szenen, in denen ein Junge mit Rucksack auftaucht. Er ist etwa elf Jahre alt und spricht kein Wort. Er begegnet mehreren Menschen – in der verlassen wirkenden Welt in „Embers“ wirkt das absolut nicht selbstverständlich –, die sich rührend um ihn kümmern, doch er geht einfach weiter. Es scheint, als sei er auf der Suche nach etwas oder jemandem. Nach wem oder was, daran wird er sich aber nicht erinnern.

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Was der Junge tut, ergibt nicht viel Sinn. Doch wie viel Sinn ergibt es, etwas zu tun, das wir als sinnvoll erachten würden, wenn man sich ohnehin nicht daran erinnert? Ist es überhaupt möglich, wenn man eigentlich nur im Jetzt lebt? Auch das Verhalten der anderen Protagonisten erscheint oft nicht sinnvoll und manchmal möchte man ihnen zurufen: „Nein, tu das nicht!“ Wenn man keine Erinnerungen hat – kann man dann seine Zukunft gedanklich erschließen?

Instinkt vs. Kontrolle – Freiheit vs. Sicherheit

Der Film antwortet darauf nicht eindeutig. Ein anderer männlicher Protagonist, ein junger Kerl, hat nicht mehr viel Menschliches an sich. Er wirkt eher wie ein Tier, wild, trieb- und instinktgesteuert. Auch er spricht nicht. Eine junge Frau, die der Junge mit dem Rucksack trifft, redet hingegen zu viel. Sie hat nicht das Menschliche verloren, ist in ihrer Entwicklung aber irgendwann stehengeblieben. Beide machen einfach, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Nur der sympathische, ältere Mann, der den Jungen mit dem Rucksack erst verscheucht, aber dann doch aufnimmt, scheint einen Plan zu haben. Zumindest hat er ein System. Aber auch er muss täglich alles neu erlernen.

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Den krassen Kontrast stellt Miranda dar. Sie lebt mit ihrem Vater in sehr sterilen, unterirdischen Räumen. Die Atmosphäre ist ebenso beklemmend wie grundsätzlich im Film, aber auf andere Art. Alles ist künstlich und mechanisch. Und: Alles ist durchgeplant und kontrolliert. Denn die beiden können sich erinnern, sie sind der Epidemie irgendwie entkommen. Der Vater weiß, dass sich die meisten Menschen draußen an nichts erinnern, nicht an Musik, nicht an Kunst, nicht an Literatur. Und deshalb beschäftigen sich die beiden täglich damit: Sie musizieren, sie lesen, sie lernen Gedichte. Um diese Form der Kultur am Leben zu erhalten. Doch glücklich macht Miranda das nicht, denn jeder Tag läuft genau gleich ab. Und das weiß Miranda. Auch sie hat keine Geschichte(n).

„Ich wünschte, ich hätte etwas, worüber ich reden könnte. Ich habe nichts zu erzählen. Nichts Neues.“

Das antwortet sie ihrem Vater auf die Frage, was denn los sei. Was für eine Ironie: Die, die sich an Erlebtes erinnert, erlebt nichts. Sie weiß zwar viel – aber sie fühlt nichts. Auch sie weiß nicht so richtig, wer sie eigentlich ist.

Das Ende?

So wie es keinen Anfang gab, gibt es auch kein Ende. Das ist nur konsequent, aber auch irgendwie enttäuschend. Es schließen sich zwar mehrere Kreise – aber die Geschichten sind längst nicht zu Ende erzählt. Für mich ist das eher der Pilot zu einer Serie. Der Film ist vielversprechend, aus der Idee lässt sich noch viel mehr herausholen. Das Potenzial für weitere Filme oder Folgen ist auf jeden Fall da. Ich würde sie mir ansehen.

Text: Mathias Freese
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screenings von „Embers“:
Fr., 18.9., 21.30 Uhr, Casablanca
Sa., 19.9., 16.30 Uhr, cine k

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