Weihnachten – das Fest der Liebe… und der Donuts!

– Filmkritik zu „Tangerine“ –

Den Trailer zu „Tangerine“ (USA, 2014) hatte ich bei der OLB Preview gesehen. Schnell wechselnde Bilder, viel amerikanischer Slang – ich hatte regelrecht Sorge, dass mein vom Filmfest geschundener Körper zu sehr geschlaucht sein könnte, um den Film zu ertragen. Doch weit gefehlt.

Regisseur Sean Baker hat es geschafft, mit „Tangerine“ von der ersten bis zur letzten Minute zu unterhalten und keine Langeweile aufkommen zu lassen. Der Dreh lief komplett mit einem iPhone 5s. Der Effekt: Nähe. Der Zuschauer fühlt sich direkt ins Geschehen hineingezogen.

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Die Besonderheit liegt aber nicht nur am iPhone 5s-Dreh. Auch die Story und die Charaktere des Films sind außergewöhnlich.

Wir verfolgen einen Tag im Leben von Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) und ihrer Freundin Alexandra (Mya Taylor). Beide arbeiten als transsexuelle Prostituierte, wobei Sin-Dee eine kleine Zwangspause einlegen musste. Sie war im Knast. Nun erfährt sie von Alexandra, dass ihr Freund in der Haftzeit Sex mit einer „echten“ Frau hatte. Sin-Dee ist außer sich und will die Konkurrentin umgehend ausfindig machen. Und das ausgerechnet an Heiligabend.

Die Szenen sind atemberaubend – sie explodieren quasi auf der Leinwand. Kaum vorstellbar, dass sie nur mit einem iPhone 5s entstanden sind, teilweise aufgerüstet mit einer 1.33x Anamorphic Adapter Linse und der FiLMiC Pro app. Auf diese Weise wurden die Weitwinkelaufnahmen optimiert.

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Christmas is for Americans. For us, it’s another work day.

Doch zurück zur Story. Nach und nach tauchen wir in das (Doppel-)Leben des armenischen Taxifahrers Ramzik (Karren Karagulian) und damit in die Transgender-Welt von Sin-Dee und Alexandra ein. Ramzik mimt zu Hause den treuen Ehemann, geht aber während der Arbeit seiner Leidenschaft nach. Der Familienvater hat ein Faible für transsexuelle Männer, und das insbesondere für Sin-Dee. Es folgen knackige Dialoge und ausgesprochen witzige Szenen – beispielsweise die Art und Weise, Alexandra ihren Job in einer Waschstraße „erfüllt“.

Das große Finale findet dann am Dreh- und Angelpunkt, dem „Donut-Time“ statt. In dieser Szene – wie auch immer wieder während des gesamten Films – wird der Zuschauer Zeuge einer Situation, in der er normalerweise das Weite suchen würde. Doch obwohl sie ihn unangenehm berührt sein lässt und Fremdscham provoziert, schafft es der Regisseur, dass der Zuschauer regelrecht Verständnis und Mitgefühl für die Protagonisten aufbringt.

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Ziel: möglichst authentische Szenen. Dreh: oft heimlich. Und mit der ein oder anderen Schwäche.

Der Dreh in „Donut Time“ soll für das Team eine große Herausforderung gewesen sein. Der Co-Producer und Writer Chris Bergoch erzählte nach der Filmpräsentation, dass es zwar Drehgenehmigungen gab, sämtliche Dreharbeiten aber während des laufenden Betriebs stattfanden (OffVloggerin Mara Scherzinger hat Chris Bergoch interviewt, siehe unten). So kam es zu Situationen, in denen draußen die Gäste nachträglich um Erlaubnis zur Verwendung des Filmmaterials gebeten werden mussten. Soundschwächen, die es bei den Dreharbeiten im „Donut Time“ gab, wurden mit diversen Tricks ausgemerzt. Für Tangerine wurde viel heimlich gedreht. Das Team versteckte sich hinter Gebäudeecken und teilweise sogar in Autos. Es sollte alles so realistisch wie möglich aussehen.

So richtig realistisch ist der Film aber erst durch die Charaktere Sin-Dee und Alexandra geworden. Die beiden wurden durch Zufall entdeckt. Mya Taylor (Alexandra) war gerade im „Donut-Time und wurde gleich gefragt, ob sie Lust hätte, in dem Film mitzuspielen. Kitana Kiki Rodriguez (Sin-Dee), die auch im wahren Leben Alexandras Freundin ist, wurde mit engagiert. Die beiden wirkten so großartig auf der Leinwand, dass nicht weiter nach Schauspielern gesucht werden musste.

Mein Fazit

„Tangerine“ ist superwitzig und rasant. Langeweile kommt hier bestimmt nicht auf. Ich fühlte mich als Zuschauerin regelrecht mit durch Tinseltown geschleust. Dass die ganze Zeit mit iPhone gedreht wurde, nimmt man nicht annähernd wahr. Absolut sehenswert!

Text: Melanie Schmidt
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screenings abgeschlossen

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