„Weiterhin ein Underdog!“

– Interview mit Festivalleiter Torsten Neumann –

In einen Wettbewerb mit der Festivalkonkurrenz um die attraktivsten Filme möchte Torsten Neumann, Gründer und Leiter des Filmfestes Oldenburg, nicht einsteigen – auch wenn er die Sache durchaus sportlich sieht. Im ersten Teil des großen OffBlogger-Interviews erklärt er, worauf es ihm stattdessen ankommt.

Frage: Das Festival ist in diesem Jahr eine Woche später als sonst. Warum?

Torsten Neumann: Der Festivalkalender ist sehr eng getaktet. Wir orientieren uns beim Termin an Venedig und Toronto, die etwa zur gleichen Zeit stattfinden. Es bringt nichts, mit denen konkurrieren zu wollen. Im Gegenteil. Durch die Verschiebung haben wir sogar eine bessere Position, weil wir Filme, die in Toronto gelaufen sind, nach Oldenburg bekommen können.

Oldenburg gilt in der Filmbranche als wichtigstes Herbstfestival. Das MovieMaker-Magazin zählt euch sogar zu den „25 coolsten Festivals der Welt“. Welche Vorteile bringt euch dieser Ruf?

Neumann: Man darf eines nicht vergessen:

Wir sind weiterhin ein Underdog. Und wir fühlen uns wohl in dieser Rolle.

Lob und Anerkennung bringen uns deshalb eine Menge. Wir werden dadurch anders wahrgenommen, speziell von der Filmbranche und den Medien.

Kann ein gutes Renommee auch zur Belastung werden?

Neumann: Nein, das nicht. Wir haben uns für unser Renommee ja nicht verbiegen müssen, sondern stellen weiterhin die Liebe zum Kino und zu den Filmemachern in den Mittelpunkt. Das ist entscheidend.

Wie fühlt es sich an, einem vielleicht größeren und finanziell besser ausgestatteten Festival einen Film abzuluchsen?

Neumann: Das kann man einerseits sportlich betrachten. Es gibt durchaus einen Wettbewerb unter den Festivals, wer welchen Film zeigen darf und wer welche Premiere bekommt. Andererseits achten wir sehr genau darauf, was wirklich zu unserem Profil passt.

Es gibt immer wieder Filme, die haben wesentlich mehr davon, wenn sie bei uns statt bei einem vielleicht größeren Festival laufen.

Und wir holen keinen Film nach Oldenburg, nur um jemanden zu ärgern.

Das Oldenburger Festival kann gegenüber der Konkurrenz immer wieder mit Atmosphäre und Leidenschaft punkten. Wie frustrierend ist es dennoch, dass es beim Budget nicht recht vorangeht?

Neumann: Es gibt natürlich Momente, in denen das schon sehr frustriert – gerade, wenn ich mal wieder sehe, dass wir alle unter Bedingungen agieren müssen, die nicht angemessen sind. Aber welche Alternative haben wir denn? Keine. Wir stellen ja schließlich an uns selbst immer die höchsten Ansprüche.

Angenommen, es stünden tatsächlich 50.000 Euro mehr zur Verfügung. Was wären die drei wichtigsten Dinge, die du damit machen würdest?

Neumann: Am wichtigsten wäre es, den Jurypreis für den besten deutschen Film wiederzubeleben. Das wäre wirklich eine Herzensangelegenheit, denn er hat dem Festival und der Stadt sehr viel gebracht. Manche Filme, die wir gern zeigen würden, bekommen wir leider nicht mehr, seit wir diesen Preis nicht mehr verleihen können. An zweiter Stelle stünde eine Aufstockung des Personalbudgets, an dritter die des Etats für Filme und Gäste. Sie sind das Herzstück eines jeden Festivals und werden insbesondere vom Publikum hoch geschätzt. Deshalb haben wir auch in diesem Jahr wieder tolle Gäste in Oldenburg. Wir werden uns niemals dazu hinreißen lassen, ein schlechtes Filmfest zu organisieren.

Im zweiten Teil des Interviews äußert sich Torsten Neumann zum Programm des diesjährigen Festivals.

Das Gespräch führten Mareike Lange und Claus Spitzer-Ewersmann.
Fotos: mediavanti.de

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