Welt umsegeln für Anfänger

– Absurd, very british und vor allem sehenswert: „Crowhurst“ –

Während du diesen Film schaust, wirst du dir sagen: „So töricht wäre wirklich niemand.“ Die Antwort ist: doch. Crowhurst ist ein Film über einen Mann, der scheinbar nichts mehr zu verlieren hat und deswegen alles wagt.

Donald Crowhurst lebt mit Frau und vier Kindern in den 1960er Jahren in einem kleinen englischen Ort, trägt Hemden mit bräunlichen Pullundern und versucht mehr schlecht als recht, einen eigens entwickelten, sogenannten „Navicator“ (ein Handgerät zum Einpeilen von Funkfeuern zur Navigation in der Privatschifffahrt) an Einzelhändler zu vertreiben. Tatsächlich laufen die Geschäfte derart schlecht, dass er kurz vor dem Bankrott steht. Die Bank leiht ihm kein Geld mehr, er fürchtet, seine Familie nicht mehr ernähren zu können.

„It’s not the end of the world, darling.“

Seine Frau empfiehlt Crowhurst, sich nach einer anderen Arbeit umzuschauen. Dieser allerdings hört im Radio von der (historisch genauso erfolgten) Weltumsegelung durch Francis Chichester, der währenddessen nur einen Stopp in Sidney einlegte. Nach seiner Rückkehr wurde Chichester sogar zum Ritter geschlagen. Diese neue Begeisterung für das Segeln in der ehemaligen Eroberer- und Seefahrernation nimmt die Londoner Sunday Times zum Anlass, das Sunday Times Golden Globe Race auszuschreiben (ebenso historischer Fakt). Demjenigen, der die erste Nonstop-Weltumsegelung als Einhand-Segler meistert, winken eine Trophäe und 5.000 Pfund Preisgeld, was einer heutigen Summe von etwa 81.000 Euro entspräche.

„I’m quite a good sailor.“

Die Vorstellung, bei einem Sieg mit einem Schlag alle finanziellen Sorgen los zu sein, ewigen Ruhm genießen und seinen Navicator als erfolgreicher Weltumsegler deutlich einfacher vertreiben zu können, lässt Donald fortan nicht mehr los. Obwohl er selbst nur gelegentlich auf Seen segelt, nicht einmal ein Boot und erst recht kein Geld zur Finanzierung einer Weltumsegelung besitzt, entscheidet er sich, am Rennen teilzunehmen. Er schafft es, Geld und ein Boot aufzutreiben, besorgt sich Kartenmaterial und plant seine Route: „..aaall the way down to Cape Town“ (ja, er fährt mit den Fingern einfach die grobe Strecke entlang der Küste Afrikas ab), „.. sail up the Atlantic until you smell fish ’n‘ chips.“ Planung abgeschlossen – wer soll ihn jetzt noch stoppen?

Die Story? Absurd. Die Darstellung? Fantastisch.

Crowhursts Reise beginnt. Die Geschichte erinnert mich an eine Mischung aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und „In 80 Tagen um die Welt“ – mit dem Unterschied, dass Phileas Fogg zwar ebenso größenwahnsinnig, aber organisierter und kühner in seinem Vorhaben war. Crowhurst aber erledigt täglich seine Morgentoilette, rasiert sich, zieht Hemd und Pullunder an, isst Baked Beans, so als wäre er in seiner englischen Heimat und nicht auf dem offenen Meer bei einer Weltumsegelung, gefangen in einer Endlosschleife. Das ist so schön absurd und so schön typisch britisch: unaufgeregt, nüchtern, mit einer Prise trockener Humor.

Crowhurst scheint keine Ahnung zu haben, worauf er sich eingelassen hat oder was er da gerade tut. In Halbschuhen rutscht er auf dem Deck herum, tagein, tagaus dieselbe Prozedur aus Morgentoilette, Bohnen, Segeln, Kartenlesen. Dabei wird die meiste Zeit auf Musik und große Kamerabewegungen verzichtet. So erlebt der Zuschauer das Geschehen authentisch mit: die Einöde und Einsamkeit auf dem Boot, das Knarzen der Segel und das Rauschen des offenbar endlosen Meeres um Crowhurst herum. Nichts scheint sich an Crowhursts Situation zu ändern, das Publikum verliert das Zeitgefühl, ob er schon drei Tage oder drei Wochen auf dem Meer ist und ob er vorankommt oder nur im Kreis segelt.

Über Funk erfährt Crowhurst, dass sogar erfahrene Segler aufgrund von Mastbruch oder Krankheit das Rennen abbrechen müssen. Crowhurst selbst segelt stoisch weiter, muss fast täglich Wasser aus dem Boot schöpfen, um ihn herum immer nur das schier endlose Meer. Er hat mit Unwettern zu kämpfen, vermisst seine Familie und scheitert so manches Mal an der Navigation. Somit drängt sich der Gedanke in meinem Kopf auf:

So etwas könnte doch unmöglich jemand ernsthaft ausprobieren.

Oh doch. Es gab ihn, den echten Donald Crowhurst, der 1932 in Britisch-Indien geboren wurde und mit seinen Eltern nach England übersiedelte. Ganz wie sein filmisches Pendant lebte er in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen mit seiner Familie und versuchte den Navicator zu vertreiben. Und ganz wie der Filmcharakter entschloss er sich, am Sunday Times Golden Globe Race teilzunehmen.

Die Figur Crowhurst basiert auf einem historischen Hobbysegler.

Der Film erzählt also eine historische Geschichte und wählt deswegen viele dokumentarische Elemente. TV-Nachrichten über den Verlauf des Rennens werden in schwarz-weiß gezeigt, die fehlende Filmmusik kreiert einen nüchternen Charakter und einige Szenen werden als Interviews inszeniert, in denen Darsteller direkt in die Kamera schauen. Umso spannender ist der Kontrast zum Wahnsinn, in den Crowhurst im Verlauf des Rennens zu verfallen scheint. Er hat Albträume, führt Selbstgespräche, halluziniert und auch für den Zuschauer verschwimmen zusehends die Grenzen zwischen realem Handeln und Wahn – was ist noch Realität, welche Szenen nehmen historischen Bezug, was bildet Crowhurst sich nur ein, ist er überhaupt wirklich noch auf dem Meer unterwegs?

Fazit:

„Crowhurst“ ist sehenswert. Nicht nur wegen seiner engen Verknüpfung zum historischen Ereignis, sondern weil sich hier eine absolut verrückte Idee mit britischem Understatement verbindet. Nüchtern und trocken wird zunächst jede noch so irreale und absurde Idee oder Situation dargestellt – durch die Schauspieler ebenso wie durch die dramaturgische Inszenierung. Es ist keiner dieser Abenteuerfilme mit großen Einstellungen und überdimensionalen Wellen oder Seeungeheuern, die Schiffe beinahe verschlucken – es ist der Versuch, ein wahnwitziges Unterfangen so nüchtern wie möglich darzustellen, weil es eben wirklich so passiert ist. Mit Baked Beans und täglichem Wasserschöpfen. Das ist toll, denn es könnte nicht intensiver unterstreichen, wie verrückt das Vorhaben des Donald Crowhurst war.

Text: Mareike Schulz 
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Crowhurst“:
Fr., 15.9., 21.30 Uhr, Cine k / Studio
Sa., 16.9., 16.30 Uhr, Cine k / Studio

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