Wenn niemand wartet

– Große Fragen und kleine Stars im tief bewegenden Festival-Abschlussfilm „Jack“ –

„Mama, ich komm jetzt nach Hause.“ Wenn ein Kind diesen Satz sagt, erwartet man es im Allgemeinen eine halbe Stunde später in den freudigen Armen einer liebevollen Mutter. Nicht so bei Jack. Auf den Protagonisten des gleichnamigen Films wartet niemand. Vielmehr noch wird der Zehnjährige selbst zu einem Elternteil, der die Verantwortung für seinen kleinen Bruder Manuel übernimmt. „Jack“ von Regisseur Edward Berger ist konfrontierend, zum Teil bis an die Grenze des Erträglichen, jedoch ohne zu werten. Was die nüchterne, nahezu kalte Bildsprache für Individuum und Gesellschaft bedeuten, darauf muss der Zuschauer selbst Antworten finden. Die emotionale Herausforderung lohnt sich.

jack_stills1Eigentlich liebt sie ihre Kinder schon, die Mutter von Jack und Manuel. Aber für die beiden da sein, Verantwortung übernehmen? Das kann sie nicht. Ihre Freiheit als junge Frau kann und will sie offenbar nicht einschränken, zu wichtig sind das manische Feiern und die Männer im nächtlichen Berlin. Wer also kümmert sich um die beiden Jungs, wenn die Mutter einmal mehr tagelang um die Häuser zieht? Jack.

Er besorgt und kocht Essen für sich und seinen kleinen Bruder, wäscht Kleidung und Körper. An Gewissenhaftigkeit ist er dabei kaum zu übertreffen. Da ist verständlich, dass sich in seinem Gesicht nicht selten die Frage abzeichnet, wer hier eigentlich Kind und wer Erwachsener ist. Etwa wenn sich die Mutter und der frisch eroberte One-Night-Stand wie Hunde über den Wohnzimmerboden bewegen und bellen.

Dennoch gelingt die Elternrolle nicht immer. Als sich der kleine Manuel die Beine in der zu heißen Badewanne verbrüht, ist der Moment gekommen, in dem die Mutter Jack weggeben muss. Er kommt in die Wohngruppe einer Jugendeinrichtung, deren erdrückendem und erniedrigendem Zusammenleben er kurze Zeit später entflieht. Sein Ziel: zurück zur Mutter. Doch die ist nicht in der Wohnung. Was nun folgt, ist eine Odyssee, auf die sich Jack – erst alleine, dann mit Manuel – in der Hoffnung begibt, anzukommen.

jack_stills2Tief betroffen macht es, wie die kleinsten Stadtstreicher der Filmgeschichte durch Berlin ziehen, durch Wohnungen, Clubs, Tiefgaragen. Zu Fuß, in U-Bahnen und Bussen. Und dabei auf unzählige Menschen treffen, die ihnen außer un(frei)williger Hilfe nur Desinteresse entgegenbringen. Zwei Jungs von zehn und sechs Jahren, die durch einen Club streifen, dessen Besucher zur überwiegenden Mehrheit vor lauter Drogen nicht mehr ansprechbar sind – selbst in dieser Situation, die abstruser nicht sein könnte, scheint niemand die Kinder wahrzunehmen.

Durch die Kameraperspektive wird der Zuschauer immer wieder in die Rolle des außenstehenden Betrachters versetzt. Sind doch nur zwei kleine Jungs, die ihm Pfirsich essend in der U-Bahn gegenüber sitzen. Würde man selbst wahrnehmen, bemerken, unschöne Gedanken zulassen – und vor allem handeln? Wie viel Müdigkeit müssten die Gesichter zeigen, wie dreckig die Kleidung werden, damit man selbst eingreifen würde?

Als Zuschauer kann man sich die kleine Frage stellen: Wie kann zwei kleine Jungs ein so hartes Schicksal treffen? Oder die große: Wie ist ein solches Drama inmitten unserer Gesellschaft möglich? Würde man sich der großen Frage widmen, man könnte daran verzweifeln – so grausam kann die Welt nicht sein. Oder doch? „Jack“ gibt mit erdrückenden Bildern und in ihrer Schauspielerei tief bewegenden Darstellern die Antwort.

Text: Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screening von „Jack“:
Closing Night, So., 14.9., 19 Uhr, Staatstheater

1 Kommentar

  1. Super Text, sehr ergreifend geschrieben!! Ich bin absolut neugierig auf den Film. Wäre Oldenburg nicht so weit weg, würde ich mich am Sonntag ins Auto setzen. Stattdessen hoffe ich, der Film läuft bald auch hier in der Nähe.

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