Wie ein Klassiker die Klasse des Filmfests zeigt

– Zehn Beobachtungen zum Screening von George Armitages „Grosse Pointe Blank“ –

Seien wir ehrlich: Die Filme der Retrospektive gehören meistens nicht zu den ersten, die man sich in seinen persönlichen Filmfest-Kalender einträgt. Es gibt so viel Premieren – warum soll man sich dann noch Wiederholungen ansehen? Ganz einfach: Weil es sich lohnt – nicht nur wegen der Filme. Das haben zehn Beobachtungen der OffBlogger Mareike Lange und Thorsten Bruns am Donnerstagabend  gezeigt.

(1)  Ein Film aus dem Jahre 1997, der weder als Kult verehrt wird noch als Klassiker berühmt ist – und die Exerzierhalle ist mit 300 Gästen bis auf den letzten Platz (und darüber hinaus) gefüllt.

Das zeigt, dass die Retrospektive ein Kernstück des Festivals ist. Die spannenden Rückblicke in die Filmgeschichte und die Darstellung von künstlerischen Entwicklungen sind ganz offensichtlich auch für das breite Publikum attraktiv.

(2)  Der Film läuft nicht nur in der deutschen Übersetzung, sondern auch in der authentischen Originalfassung.

Das zeigt, welch großartige Möglichkeiten das Filmfest bietet. Die Exerzierhalle – in der die deutsche Version des Films läuft – ist zwar ausverkauft. Zeitgleich wird im Casablanca aber die Originalfassung gezeigt. Man hat die Wahl. Regisseur George Armitage schaut übrigens in beiden Sälen vorbei. Ehrensache.

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(3)  Es gibt technische Probleme beim Screening in der Exerzierhalle.

Das zeigt, wie komplex die heutige Technik ist. Früher hätte man bei einem Filmriss einfach das Band geklebt und weitergemacht. Das funktioniert im Digitalzeitalter nicht mehr. Man kann noch so viel testen, mit allen erdenklichen Datei-Formaten und Abspielgeräten – manchmal streikt die Technik ausgerechnet im entscheidenden Moment. Und in diesem Fall sogar endgültig. Extrem ärgerlich – erst Recht bei vollem Haus.

(4)  Das Publikum zeigte viel Verständnis für die Verzögerungen – und sogar für die endgültige Absage.

Das zeigt, wie verständig und verständnisvoll das Oldenburger Publikum ist. Wirklich bemerkenswert, dass es keine lautstarken Unmutsäußerungen oder regelrechte Tumulte gab. „Sehr schade – aber das kann eben passieren“, so war die Grundstimmung. Viele nutzten aber auch die Gelegenheit, von der Exerzierhalle ins „Casa“ zu wechseln und dort das Original zu schauen. Flexibilität im Filmfest-Style.

(5)  „Grosse Pointe Blank“ ist auch fast zwanzig Jahre nach seiner Premiere sehr unterhaltsam.

Das zeigt, dass gute Filme keine Verfallsdaten habe. Es lohnt sich, nicht nur die aktuellen Erscheinungen zu sichten, sondern auch in der Geschichte zu suchen, um besondere Regisseure und ihre Werke zu entdecken. „Grosse Pointe Blank“ etwa erhielt bei seinem Erscheinen zwar sehr gute Kritiken (Internet Movie Data Base: 7.4/10, Rotten Tomatoes: 79%), zählt aber sicher nicht zu den bekanntesten Vertretern seines Genres. Erst die Retrospektive für George Armitage erinnert uns an diese Perle.

(6)  Das Star-Ensemble um John Cusack, Minnie Driver und Dan Aykroyd präsentiert sich extrem spielfreudig.

Das zeigt, dass die „echten Stars“ manchmal eben zurecht ganz oben stehen. In diesen drei Fällen war die Darstellung herausragend. Die Spielfreude hat aber nicht allein mit dem Talent zu tun, sondern auch mit dem Regisseur, der am Set alles verantwortet. Und bei Armitage glaubt man sofort, dass er in dieser Hinsicht viel richtig gemacht hat – weil man ihn beim Screening von einer sympathischen Seite kennenlernt.

(7)  George Armitage besuchte beide Vorstellungen, erzählte von der Produktion und stand für Fragen und Fotos zur Verfügung.

Das zeigt, wie sehr die Anwesenheit eines Regisseurs das Filmerlebnis bereichert, weil man zusätzliche Hintergründe und Einblicke bekommt. In den letzten Jahren war viel von 3D die Rede. Viel wichtiger ist aber eine vierte Dimension: der Blick des Regisseurs auf sein Werk. Diese Perspektive erweitert das Erlebnis viel deutlicher als jeder technische Trick.

(8)  Nach dem Film wird Armitage gefragt, wie er Oldenburg findet. Seine Antwort: „Terrific.“

Das zeigt, wie positiv das Filmfest und die Stadt nach außen wirken. Die internationalen Gäste genießen den speziellen Charakter des Festivals. Die Dramaturgie und Inszenierung  der „Five Days“ reißt mit. Aber auch die Atmosphäre der Umgebung – der „Oldenburg-Faktor“ – spielt eine wichtige Rolle. Wie George Armitage sagte:

„It’s great to be home.“

(9)  In der Filmwelt ist alles mit allem und jeder mit jedem vernetzt. Zumindest über Ecken.

Das zeigt, welches Potenzial ein langfristig laufendes Festival haben kann: Es schafft Kontexte und Bezüge. Ein Beispiel: Beim 21. Internationalen Filmfest im vergangenen Jahr lief die Dokumentation „Life Itself“ über die 2013 verstorbene Filmkritik-Legende Roger Ebert. Im April 1997 hat er auch „Grosse Pointe Blank“ besprochen. Positiv natürlich.

(10)  Es muss nicht immer alles glänzend und perfekt sein.

Das zeigt, dass Independent-Kino und Festivals mehr darstellen als eine Nische, die aus Geldmangel entstanden ist. Manchmal sind es Abende wie dieser – an dem keine Weltpremiere ansteht und bei dem einiges schief geht -, die eindrucksvoll zeigen, wie wertvoll das Filmfest ist und wie positiv es wahrgenommen wird – wie schwierig und frustrierend die Arbeit aber auch manchmal sein kann, wie aufgeschlossen und freundlich jedoch die Gäste und Publikum in Oldenburg sind. Das war geradezu inspirierend.

Text: Thorsten Bruns und Mareike Lange
Fotos: Filmfest Oldenburg


Screening abschlossen

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