Williges Fleisch, aber schwacher Inhalt

– Filmkritik zu „We are the Flesh“ –

Der in die Jahre gekommene Mariano vertreibt sich in seiner postapokalyptischen Messie-Wohnung mit stoisch organisiertem Nonsens die Zeit und gerät dort gemeinsam mit einem experimentierfreudigen Zwillingspärchen in einen gefährlichen Strudel hemmungslos eskalierender Selbstverwirklichung, der alle Beteiligten sinnlos zu Grunde richtet – „We are the Flesh“ ist ein schonungsloses Porträt der selbstzerstörerischen, von Korruption und Drogenwirtschaft zerfressenen mexikanischen Gesellschaft.

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Mit seiner erdrückenden, überzeugenden Präsenz verleiht Noe Hernandez dem abstrusen Geschehen des Films Glaubwürdigkeit.

Schon zu Beginn errichtet Mariano (wunderbar hirnrissig gespielt von Noe Hernandez) mit eingeweichtem Weißbrot, Sperrholz und viel Klebeband eine Wohnungseinrichtung der besonderen Art: Die geraden, rechtwinklig angeordneten Flächen seines zu Beginn bereits verwüsteten, aber ansonsten unscheinbaren Lofts überzieht er, als folge er einem göttlichen Plan, mit organisch-höhlenartigen Strukturen. Zwischendurch nimmt er ein junges Pärchen bei sich auf, dass ihm nicht nur bei seinen unorthodoxen Renovierungsarbeiten, sondern auch in sexueller Hinsicht zur Hand geht.

Besonders das junge Mädchen, das von der bisher unbekannten María Evoli verkörpert wurde, scheint sich schnell in seine neue Rolle als Lustobjekt zu fügen, während ihr gleichaltriger Bruder von Zweifeln erfüllt bleibt. Die zu Beginn unverrückbare Übermacht des Gastgebers sorgt schon nach kurzer Zeit für Irritationen: Das Trio durchlebt erste Spannungen, die sich zunächst noch sexuell entladen und stellt sich gegenseitig mithilfe einer flüssigen Droge ruhig, die tröpfchenweise über eine Pipette verabreicht wird. Zwischenzeitlich wird deutlich, warum Mariano in der Lage ist, dem jungen Paar derart den Ton zu diktieren: Offenbar lebt er in einem der wenigen Häuser, die nach einer nicht näher benannten Katastrophe noch intakt geblieben sind und verfügt darüber hinaus über Nahrungsvorräte. Auf dem Speiseplan steht ausschließlich Steak, das sich das Trio in großen Mengen ohne zu kauen in den Rachen schiebt und dadurch die unstillbare Gier einer dekadenten Gesellschaft widerspiegelt. Diese Maßlosigkeit löst bei dem jungen Mädchen einen Anfall aus, in dessen Verlauf sie die Kontrolle über ihre Körperfunktionen verliert und damit die vermeintliche Lebensfeindlichkeit des materiellen Überflusses am eigenen Leib erfährt.

Unordnung, Verdreckung, Nacktheit, Inzest, Blutrausch – in „We are the Flesh“ ist die gesamte Handlung einem scheinbar unvermeidbaren Klimax der Abartigkeiten untergeordnet. 

Filmisch bedient sich „We are the Flesh“ bewährter Mittel: kontraststarke Überfärbung, psychedelische Kamerafahrten und die drastische Darstellung von Sexualität schaffen eine zuweilen unangenehm intensive Atmosphäre. Hier wird das Rad nicht neu erfunden, wenngleich die technische Ausführung phantastisch gelungen ist. Der Film ist leider so sehr dafür konzipiert, zu schockieren, dass er die Möglichkeit einer nachhaltigen Wirkung, die über Ekel und Erstaunen hinausgeht, beim Zuschauer verfehlt. Im Stil eines Musikvideos werden stakkatohaft ansteigend Tabubrüche durchexerziert, die sich gegenseitig zu überbieten versuchen: Unordnung, Verdreckung, Nacktheit, Inzest, Blutrausch. Die unzähligen, auf Verwirrung beim Zuschauer ausgelegten Handlungselemente nehmen dem Film seine Geschichte oder erzeugen, netter ausgedrückt, einiges an Interpretationsfläche – dieser bietet allerdings keinen tiefer reichenden Interpretationsraum.

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Regisseur Emiliano Rocha Minter hat mit seinem Erstlingswerk trotz inhaltlicher Mängel ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt.

Die demonstrative Sinnlosigkeit des figuralen Handelns wird allerdings derart konsequent dargeboten, dass man sich gegen Ende des Films dabei ertappt, in diesem eine innere, wenn auch kranke Logik zu erkennen: Überraschenderweise wirken die abschließenden Szenen, in denen plötzlich wieder ein präapokalyptisches, florierendes Stadtbild (die Realität) dargestellt ist, beinahe künstlich, nachdem man beinahe 80 Minuten in eine postapokalyptische Orgie aus Müll, Schmutz und Körpersäften eingetaucht wurde.

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Maria Evoli spielt eine Figur, die jegliche Scham einfach abstreift – in dieser Szene uriniert sie ungehemmt auf den Flurboden.

Aus diesem Kontrast schöpft der Film auch seine Kraft: Die kompromisslose Darstellung der völligen Loslösung von allen Verpflichtungen und Regeln, welche in einem totalen Exzess und sogar im Tod des Protagonisten endet, führt einen zu der Erkenntnis, dass die eigene Lebenswirklichkeit mit ihren Normen und Gesetzen das kleinere, letztlich unvermeidliche Übel darstellt. Damit werden der von der organisierten Kriminalität geplagten, gleichzeitig noch immer im katholischen Konservatismus gefangenen mexikanischen Gesellschaft gnadenlos ihre Defizite vor Augen geführt.

Text: Moritz M. Lenz
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „We are the Flesh“:
Fr., 16.09., 21.30, Cine k/Studio
Sa., 17.09., 23.45, theater hof/19

 

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