You give me Fever when you kiss me

– Von der ungewöhnlichen Freundschaft zweier Jungs –

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Damien (li.) und Pierre

Am Freitagnachmittag habe ich „Fever“ gesehen, das Regiedebüt von Raphaël Noel. Ich war gespannt auf den Film, der auf dem realen Fall der amerikanischen Mörder Leopold und Loeb basiert. Dass Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller vor Ort waren, steigerte meine Vorfreude zusätzlich. Ich sollte nicht enttäuscht werden.

„Fever“ erzählt die Geschichte zweier Jungs, die einen Mord begangen haben. Das klingt erst inmal ziemlich dramatisch, die Handlung bezieht sich aber eher auf das Leben danach. Zoé (Julie-Marie Parmentier) läuft den beiden Jungs zufällig über den Weg, direkt nach ihrer Tat, und spürt von Anfang an, dass etwas nicht stimmt. Immer wieder kreuzen sich die Wege von Zoé und Pierre, sie bringt ihn schnell mit dem Mord in der Nachbarschaft in Verbindung.

Von dem Mord selbst bekommt der Zuschauer nichts mit, aber das Gefühlsleben von Damian (gespielt von Martin Loizillon) und Pierre (gespielt von Pierre Moure) wird umso intensiver beleuchtet. Die Tat wird in Zusammenhang gebracht mit Geschichten aus der Zeit des Holocausts, was zuerst etwas zusammenhanglos erscheint, aber im Laufe des Films immer mehr Sinn ergibt.

Der Film ist auf jeden Fall einer der gelungensten aus der Independent Reihe des Filmfestivals und zieht den Zuschauer von Minute 1 an in seinen Bann.

Die Wandlung, die Damien und Pierre durchleben, machen den Film so interessant. Am Anfang dachte ich, ich hätte verstanden, worum es geht und was da passiert; hätte die Charaktere durchschaut. Aber schnell wird die Tiefe des Films klar und die Schichten der Persönlichkeiten von Pierre und Damien immer deutlicher. Es geht nicht nur um den starken Anführertypen und den schwachen Mitläufer. Die Rollen wechseln, ohne, dass es zu offensichtlich werden würde.

Damien ist emotional nicht so ganz auf der Höhe, das merkt man. Der Regisseur beschreibt ihn als „emotionally challenged“, das trifft es. Er ist verwickelt in die verschiedensten Situationen, die es immer schwerer machen, ihn zu durchschauen. Einerseits ist da die bizarre Anziehungskraft zwischen ihm und seiner Mutter, die nur in einer einzigen Szene zum Ausdruck kommt, aber doch den kompletten Blick auf den Film verändert.

Andererseits scheint er auch etwas mehr für seinen besten Freund und „Partner in Crime“ Pierre übrig zu haben. Das wird zwar nicht ganz zu Ende thematisiert, ist aber doch für den Zuschauer bemerkbar.

Bis zum Schluss wusste ich nicht wirklich, wer Damien ist und was ihn bewegt, diese Einschätzung fiel bei Pierre schon leichter. Die will ich aber natürlich nicht vorweg nehmen, also sage ich dazu weiter nichts.

Dass „Fever“ ein Low Budget-Film ist, fällt im Grunde genommen nur durch die Kameraqualität auf. Das Schauspiel, die Handlung, die Kameraeinstellungen – nichts deutet darauf hin, dass dieser Film mehr oder weniger spontan in Paris gedreht wurde.
Die schauspielerische Leistung von Damien und Pierre ist herausragend – da waren sich auch die Zuschauer einig, die danach noch ein paar Sätze mit dem Regisseur, Produzenten und Hauptdarsteller des Films wechseln konnten. Die Fragerunde ging fast eine halbe Stunde lang, viele Gäste hatten Gedanken oder Fragen beizusteuern. Diese Fragen beantwortete in erster Linie der Regisseur Raphaël Neal in einer äußerst charmanten Art und sorgte für einige Lacher im Publikum.

Er hat sich mit seinen Charakteren beschäftigt, das merkt man, denn obwohl der Film auf einem Buch basiert, bringt er seine eigenen Ideen ein, zeigt neue Facetten auf und bietet mehr Tiefe.

Es lohnt sich also, einen Blick zu riskieren. Empfehlen kann ich den Film auf jeden Fall!

Text: Annabell Hempelmann
Foto: Filmfest Oldenburg


Screening abgeschlossen

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