„You think you’re an american? They’ll never let you be“

– „From Nowhere“ überzeugt nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch auf politischer –

Ein fesselndes Drama über das tagtägliche Leben und die Ängste dreier illegalisierter High-School Schüler in der Bronx, die kurz vor ihrem Abschluss stehen: In „From Nowhere“ müssen sich Moussa, Sophie und Alyssa gegen die allgegenwärtige Bedrohung, als „illegal“ erkannt zu werden, behaupten – und dafür ihre eigene Fluchtgeschichte aufarbeiten.

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Sophie, Moussa und Alyssa versuchen mit Hilfe eines Anwaltes, die nötigen Papiere zu bekommen.

Als einfaches High-School Drama beginnend entwickelt sich „From Nowhere“ schnell zu einem mitreißendem, aber ruhig erzähltem Politikum: Es zeigt eine engagierte Lehrerin (Julianne Nicholson), die über ihre reine Lehrpflicht hinausgeht und drei ihrer Schüler ermutigt, mit einem Anwalt zu sprechen – Moussa (J. Mallory McCree), ein belesener Junge aus Guniea; Sophie (Octavia Chavez-Richmond), ein immerzu mürrisch gelauntes dominikanisches Mädchen, das von ihren Verwandten, mit denen es lebt, gleichsam vernachlässigt wie ausgenutzt wird; und Alyssa (Raquel Castro), ein peruanisches Mädchen, dass sich auf ihren großen Tag als Abschiedsrednerin vorbereitet und durchweg optimistisch bleibt.

Sie alle verbindet ein Strafbestand, für den sie selbst gar nicht verantwortlich sind: Sie leben seit Jahren „illegal“ in den Vereinigten Staaten.

Ohne Papiere oder mit gefälschtem Personalausweis wird schon eine kleine Streiterei auf der Straße zum Risiko: Als Polizisten auf die Unruhe aufmerksam werden und nach den Ausweisen fragen, ist den illegalisierten Jugendlichen die Angst ins Gesicht geschrieben.

Es sind Kleinigkeiten wie diese, die das Ausmaß ihrer Lügen, die sie aufrecht erhalten müssen, aufzeigt.

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Moussa und Sophie halten sich gegenseitig von Problemen fern.

Und es sind diese Gefahren, die die drei zusammenschweißen: Sie versuchen, sich gegenseitig von Schwierigkeiten fernzuhalten, unauffällig zu bleiben, um gar nicht erst in diese Personenkontrollen zu geraten.

Moussa, Sophie und Alyssa wenden sich auf Anraten ihrer Lehrerin und Vertrauensperson an einen Anwalt (Denis O’Hare), der sie pro bono betreut.

„Genocide is good. Genital mutilation is better. Dictators are the best.“

Ohne große Umschweife macht er ihnen deutlich, dass es nicht um sie als Person gehen wird. Es geht nicht um gute Noten und einwandfreies Verhalten, nicht um ein sauberes Vorstrafenregister; sie müssen verschwundene oder ermordete Angehörige und damit eine „echte“ Bedrohung aufweisen, um nicht in ihr Ursprungsland zurück geschickt zu werden.

Schnell wird klar, dass nur Härtefälle im Asylverfahren bestehen können: „This story is not enough. Not for asylum. We need something else.“ – „I don’t know if I can get something else.“ – „Find something!“ Und so versucht Moussa, seiner Mutter mehr über ihre Vergangenheit zu entlocken, die Gründe für die Flucht zu verstehen.

„From Nowhere“ erscheint nicht nur auf den ersten Blick als passender Titel für (jugendliche) illegalisierte Migranten, die zwischen zwei Ländern stehen. Die drei verbindet noch etwas anderes: Sie alle haben keine oder kaum Erinnerung, teilweise nicht einmal Interesse, an dem Land, aus dem sie als Kinder geflohen sind, in das sie abgeschoben werden, wenn sie entdeckt würden.

Sie gehören scheinbar weder in ihr Herkunftsland, noch in die Vereinigten Staaten.

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Regisseur Matthew Newton

Der Film zeigt die Armut, zerrissene Familien und Aggressivität im Umfeld der drei Protagonisten. Dabei zeichnet Regisseur Matthew Newton mit wenigen Ausnahmen keine eindeutigen Bösen in der Geschichte um die drei Schüler, sondern Menschen, die versuchen, im System zurecht zu kommen.

Als Zuschauer fällt durchaus auf, dass einzig weiße Personen als „Retter“ den nicht-weißen, gefährdeten Schülern zur Seite stehen – wie viel Aufmerksamkeit dem zu schenken ist, sei dahingestellt.

„From Nowhere“ berührt nicht nur auf der persönlichen, empathischen Ebene. Es ist ein ruhiger, berührender Film über illegalisierte Menschen, die nicht wirklich verstehen, warum sie illegal sein sollen. In einer politischen Situation, vor allem aber im derzeitigen US Wahlkampf, in der einige Politiker die sogenannten „Flüchtlingsströme“ stetig entmenschlichen ihnen aller Individualität berauben, trägt er dazu bei, Geflüchtete als Menschen mit Familie, einzigartigen Geschichten und Persönlichkeiten zu erkennen.

Text: Phyllis Frieling
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „From Nowhere“:
Do., 15.09., 19.00, Cine k/Muvi
Fr., 16.09., 16.30, Cine k/Muvi

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