Zeit für Gefühle

– Die Gala im Staatstheater zählt zu den Höhepunkten des Filmfestes. Aber nicht nur wegen der Honorary Awards, sondern auch wegen der ausgewählten Filme –

Der Künstler und sein Werk: Mills aka „Quest“ aka Santiago Rizzo

Es ist erst ein paar Jahre her, da kokettierte das Internationale Filmfest mit dem Image des „Flegels unter den Festivals“. Da ist glücklicherweise nach wie vor etwas dran, aber mittlerweile ist man reif genug, auch Gefühle zu zeigen. In diesem Jahr sorgte die Weltpremiere von Santiago Rizzos autobiographischem Drama „Quest“ für einige Gänsehaut-Momente. Und das ganz ohne Pathos, Kitsch und Bombast.

Berkeley, Kalifornien, 1995: Um seinem prügelnden Stiefvater Gus (Lou Diamond Philips) aus dem Weg zu gehen, lebt der zwölfjährige Mills (Gregory Kasyan) mehr auf der Straße als zuhause. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Graffiti. Sein Tag „Quest“ überzieht die gesamte Stadt. Gleichzeitig ist er eine Überschrift für sein Leben: Mills sucht und strebt nach Auswegen und Freiräumen für sich selbst. Doch vorerst kommt er damit nicht weit: Seine Tage sind dominiert von Ermahnungen, Schlägen, Verweisen, Verhaftungen.

Annäherung: Mills und Moellering.

Sein Leben ändert sich schließlich höchst unglamourös auf einem Treppenabsatz in seiner Schule: „Am I too small for football?“ fragt Mills den Lehrer und Coach Tim Moellering (Dash Mihok). Ohne es zu wissen, wendet er sich damit an den Mann, der sein Leben verändern wird. Denn dieser Mann kennt keinen Dienst nach Vorschrift. Er ist aufrichtig interessiert an seinen Mitmenschen und an ihrem Wohlergehen. Und in Mills entdeckt er vieles, das ihn besorgt.

Mills reagiert auf Moellerings Bemühen wie ein Junge in diesem Alter eben reagiert: Abweisung, Zurückweisung, Flucht. Aber der Lehrer lässt nicht locker. Er spürt die Not und die Einsamkeit des Jungen besser als dessen eigene Familie – und er ist bereit, vieles im Kauf zu nehmen, um ihn zu erreichen. Seine Bemühungen bleiben im Kollegium nicht unbemerkt und bringen ihm üble Verdächtigungen ein. Doch Moellering ist unbeirrbar. Er will den Schwächsten helfen. Für ihn ist das keine besondere Leistung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Sein moralischer Kompass sind „Ten Rules to live by„, die auch Jahre nach seinem Tod im Jahr 2011 noch an den Kühlschränken und Pinnwänden Berkeleys hängen. Und schließlich erreicht er mit seiner Beharrlichkeit auch Mills …

Jetzt kann man natürlich einwenden, dass in dieser Geschichte durchaus Potenzial für Pathos und Kitsch steckt – und für das eine oder andere Klischee. Doch das Kuriose ist: Es schadet dem Film in keiner Weise.

Denn erstens ist die Story authentisch; und man kann dem Leben schlecht vorwerfen, dass es ist, wie es ist. Zweitens hat Rizzo seine Geschichte klug umgesetzt: Mit so viel Feingefühl und Sentimentalität wie nötig – aber mit keiner Spur mehr. Die reale Geschichte benötigt keine Betonungen und Überzeichnungen. Rizzo hatte das richtige Gespür dafür, ebenso wie seine Schauspieler. Gregory Kasyan und Dash Mihok agieren auf höchstem Niveau, auch Phillips hat einen starken Auftritt. Sie alle werden dem Anspruch gerecht, die Geschichte eindringlich, aber unaufgeregt zu erzählen.

Oldenburg first: Das Filmplakat.

Man muss es sich immer wieder in Erinnerung rufen, um es zu begreifen: Es handelt sich um das Debüt eines Laien ohne irgendeine Erfahrung im Kreativbereich (es sei denn, man zählt Hedge Fonds Management dazu). Er hatte anfangs lediglich zwei Dinge in die Waagschale zu werfen: Die eigene Geschichte, für die er noch gemeinsam mit Moellering ein Drehbuch verfasste – und seine unbedingte Leidenschaft, sie umzusetzen. Hinzu kam dann aber noch ein weiterer Faktor: ein exzellentes Ensemble. Im Interview mit OffBloggerin Mareike schildern Rizzo und Phillips ihre Zusammenarbeit.

Dass diese letztlich höchst erfolgreich war und dass wir das Ergebnis all dessen nun in Oldenburg als Weltpremiere bewundern konnten – das ist eigentlich schon genug, um den Abend im Staatstheater als „besonders“ einzustufen. Aber da ist noch mehr. Und es klingt wiederum kitschig, ohne tatsächlich kitschig zu sein.

Santiago Rizzo wollte die Geschichte seines Mentors Tim Moellering erzählen. Aber nicht – oder nicht nur – um ihm ein Denkmal zu setzen. Sondern auch, um damit für „humble persons“ zu werben.

Für Menschen, die Menschen helfen – ohne die Frage zu stellen, was sie davon haben. Und die eine reine, unverfälschte Nächstenliebe in sich spüren – auch wenn diese Liebe auf andere seltsam übertrieben wirken mag. Ein Plädoyer für eine besseres Miteinander war selten so aufrichtig und unterhaltsam wie hier.

Stolz: Rizzo und Phillips nach der Premiere.

In Oldenburg stieß Santiago Rizzo auf ein offenes, verständnisvolles – und am Ende bewegtes und begeistertes – Publikum. Obwohl der Film keineswegs auf die Tränendrüse drückt, sind die Zuschauerinnen und Zuschauer tief berührt von dieser Geschichte. Am Ende des Films sieht man alle Zutaten eines besonderen Gala-Abends: feuchte Augen, Standing Ovations, glückliches Strahlen. Und wieder einmal ist der Beweis erbracht: Die Gala im Staatstheater zählt zu den Höhepunkten des Filmfestes. Aber nicht nur wegen der Honorary Awards, sondern auch wegen der ausgewählten Filme – wie „Quest“ eindrucksvoll beweist.

Text: Thorsten Bruns
Fotos: Filmfest Oldenburg, imdb.com

Screenings von „Quest“:
Fr., 15.9., 21.o0 Uhr, Staatstheater
So., 15.9., 14.30 Uhr, JVA

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