Zu viel Liebe für eine Person

– Der Wahnsinn unerwiderter Liebe –

Die Notizen, die sich OffBloggerin Mareike Schulz in der ersten Minute von “Thirst Street” machte, sahen in etwa so aus: Film über frustrierte Stewardess? Romanze? Soap-Opera? Zum Ende des Filmes hingegen so: Stalker? Besessen, Unverständnis. Die Organisatoren des Filmfests beschreiben diesen Streifen als komisch, romantisch und verzwickt. Warum „Thirst Street“ von Nathan Silver OffBloggerin Mareike Schulz vielmehr fassungslos gemacht und an der Hauptfigur hat verzweifeln lassen, versucht dieser Beitrag zu erklären.

Gina ist eine Frau Mitte 30 aus dem Bundesstaat New York. Seit 18 Jahren arbeitet sie als Flugbegleiterin und sagt über sich selbst: „I guess I don’t know how to do anything else.“ Bei einem Stopp in Paris landen sie und ihre Kolleginnen aus Versehen in einem Nachtclub, der, sagen wir, weniger darauf ausgelegt ist, weibliche Reisegruppen zu unterhalten, als vielmehr dem männlichen Besucher zu gefallen.

In diesem Club lernt Gina den Barkeeper Jerome kennen. Sie kommen ins Gespräch, landen später in Ginas Hotelzimmer. Eine Affäre bahnt sich an, denn Ginas Airline fliegt den gesamten Monat Paris an. Dem Zuschauer scheint klar: Diese Beziehung fußt auf einer rein körperlichen Ebene – schneller Sex, wann immer Gina in der Stadt ist. Keine Spur von Romantik oder tieferer emotionaler Bindung. Gemeinsame Interessen? Nicht erkennbar.

Gina aber sieht in Jerome den Menschen, den das Schicksal für sie auserkoren hat. Sie selbst hat den Suizid ihres Partners Paul, der zu Beginn des Filmes kurz behandelt wird, noch nicht verarbeitet und stürzt sich nun in die Beziehung zu Jerome, die auf absoluter Einseitigkeit zu beruhen scheint. Gina aber fasst kurzum den Entschluss, nach Paris zu ziehen und mietet sich ein Apartment – genau gegenüber von Jeromes Wohnung.

Paris – die Stadt der Liebe und der Kunst, das Leben leicht zu nehmen und zu genießen.

Gut kann ich mich an das bunte Treiben am Montmartre, die entspannte Atmosphäre in den kleinen Straßencafés in der Abenddämmerung und Salsa tanzenden Gruppen am Ufer der Seine bei Nacht bei meinem ersten Parisbesuch erinnern. Davon spürst du in diesem Film … nichts. Die Hauptszenerien sind der Nachtclub, Ginas und Jeromes Wohnungen und einige Straßenszenen, die aber nicht unbedingt auf Paris als Spielort schließen lassen.

Nathan Silver ist der Regisseur von „Thirst Street“.

Diese Art der Darstellung ist klug gewählt, weil sie Ginas kompromisslose Fokussierung auf Jerome unterstreicht. Sie ist nicht hier, um sich am Montmartre umhertreiben zu lassen oder an der Seine zu spazieren. Der Zuschauer erlebt beinahe keine Szene, die so etwas wie Alltag oder Handlungen wie Einkaufen, Hobbys nachgehen, die Stadt erkunden widerspiegeln. All das scheint nonexistent. Jerome ist der einzige Grund, warum Gina in diese Stadt gekommen ist und warum sie überhaupt noch zu leben scheint. Auf diese Neigung ihrer Persönlichkeit, nicht nach ihrem eigenen Willen zu suchen, sondern die Begegnung mit Jerome als ihr Schicksal zu interpretieren und sich deswegen krankhaft an ihm festzukrallen, deutet die Erzählerin bereits zu Anfang des Films hin:

„She wanted to believe. That everything was really meant to be.“

Die Erzählerin erklingt immer wieder aus dem Off und beschreibt Ginas Gedanken, ihre Absichten und Träume. Allwissend gibt sie phasenweise auch Einblicke in die Gedankenwelten von Ginas Kolleginnen und Jerome. Das kreiert eine leicht altbackene, romanzenhafte Atmosphäre, besonders wenn die Worte der Erzählerin mit tragender Streichermusik untermalt werden. Betont wird hiermit Ginas Sehnsucht nach einer romantischen Beziehung zu Jerome, in die sie sich so sehr hineinsteigert, dass die Beziehung für sie selbst real scheint, während Jerome für das Publikum klar ersichtlich kein Interesse an Gina hat und vielmehr schockiert als erfreut ist, als er erfährt, dass Gina einen Job als Kellnerin im Nachtclub, in dem Jerome als Barkeeper tätig ist, angenommen hat.

Lindsay Burdge ist die Darstellerin von Gina.

Grandios ist die Leistung von Lindsay Burdge, die Gina verkörpert. Sie schafft es, die Besessenheit, mit der Gina Jerome verfallen ist, und den Wahnsinn, in den sie dadurch verfällt, so authentisch darzustellen, dass ich Gina manchmal schütteln möchte. Ihr deutlich machen, dass ihr Verhalten stalkerhafte Züge annimmt, und nichts von dem, was sie tut, eine Aussicht auf Erfolg hat.

Gina ist absolut überzeugt von ihrer romantischen Liebesbeziehung zu Jerome, obwohl die beiden Darsteller unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie backt ihm einen Kuchen zum Geburtstag, trägt altmodische Blümchenkleider, ihr Apartment zieren Kuscheltiere in den Regalen, er arbeitet im Nachtleben, nimmt Drogen und vergnügt sich mit diversen Frauen. Gina jedoch scheint all das nicht zu realisieren und ist selbst dann noch davon überzeugt, dass Jerome die Liebe ihres Lebens ist, als seine Exfreundin in Paris auftaucht und bei Jerome alte Gefühle wieder aufflammen lässt.

Diese Liebe, in die Gina sich über alle erdenklichen Maße hineinsteigert und die Selbstverständlichkeit, mit der sie die nicht existierende Beziehung pflegt, sind erschreckend, verstörend, lassen mich zwischendurch an Ginas Verstand zweifeln. Alles ist so fernab der von mir vorstellbaren Realität, so krank und doch so natürlich für Gina.

„Thirst Street“ hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei mir, lässt mich nachdenken.

Wie häufig kommt es vor, dass Menschen die Kontrolle über ihre Gefühle verlieren, sich in Hirngespinste nicht realer Liebschaften hineinsteigern? Wie aktuell ist das Frauenbild, das einem in dem Nachtclub, in dem Jerome arbeitet, vermittelt wird? Dieser Film ist nicht angenehm zu schauen, er fordert seinen Zuschauer heraus, macht manchmal verständnislos (und ist angeblich ja auch komödiantisch). Das alles macht ihn zu einem interessanten und empfehlenswerten Film.

Text: Mareike Schulz 
Fotos: Filmfest Oldenburg

Screenings von „Thirst Street“:
Fr., 15.9., 19.00 Uhr, Cine k/Studio
Sa., 16.9., 21.30 Uhr, Cine k/Studio

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